Die Partnervermittlung

Die schönsten Geschichten schreibt das wahre Leben, hier erzählt von Anna Kanikowska aus Kiew. Dazu solltest Du noch folgendes wissen: Zum Zeitpunkt dieser Erzählung wurde das ukrainische Volk lediglich durch eine Hand voll Frauen im Parlament vertreten.

Eines Tages rief mich eine mir unbekannte Frau an. Sie wollte mich treffen, weil sie unbedingt und so schnell wie möglich heiraten wollte. Ich fragte nach ihrem Alter und mit der Antwort war mir sofort klar: Das erzeugt nur Kopfschmerzen – die Frau war schon 51 Jahre alt. Sie schloss das Telefonat mit den Worten: „In 40 Minuten holt Sie mein Fahrer ab!“ Nach 40 Minuten verließ ich meine Wohnung und unten an der Haustür empfing mich wirklich der Fahrer. Mit kühler Höflichkeit vergewisserte er sich, dass ich auch wirklich diejenige war, die es abzuholen galt.

Nachdem das geklärt war, öffnete er mir die Tür und ich durfte auf der Rückbank einer teuren, schwarzen Limousine Platz nehmen. Meine Nachbarn verfolgten die Szene mit großen Augen und der ihnen natürlichen Neugierde. Das war mir im Augenblick nicht bewusst, vielmehr hatte ich die Hoffnung mit dieser Aktion etwas Geld zu verdienen. Wer ein so schickes Auto fährt, konnte einfach nicht arm sein.

Schweigend fuhren wir ins Zentrum der Stadt. Ich versuchte mir die Frau irgendwie vorzustellen, das Telefongespräch gab aber zu wenige Informationen her. Ich dachte an die Ex-Frau eines neureichen Russen oder an eine alternde, kalte Business-Lady. Das Auto hielt an, der Fahrer öffnete mir die Tür. Ich war mehr als überrascht, wir standen vor dem Bürogebäude unserer Abgeordneten der Werchowna Rada (das ukrainische Parlament). Ich trat in das Gebäude ein, musste mein Handy ausschalten und das Akku beim Pförtner hinterlegen. Der Fahrer und ich gingen weiter und wir begegneten sehr vielen Politikern, die man sonst nur vom Fernseher kennt. Ich war sehr gespannt, denn im ukrainischen Parlament gib es nicht sehr viele Frauen. Wer wird also meine Klientin?

Der Fahrer brachte mich bis zur Tür der Abgeordneten. Ich trat in das Büro – dort sah ich viele Leute, aber meine potenzielle Klientin erkannte ich sofort. Eine in der Ukraine äußerst bekannte Politikerin! Sie kam zur Tür gelaufen und deutete mit erschrockenen Augen, dass ich im Moment schweigen sollte. Natürlich verstand ich als Frau ihre Situation, aber in diesem Moment fühlte ich mich alles andere als wohl, und das Spielchen begann mich zu nerven.

Sie empfing mich mit den Worten: Guten Tag, sind sie Anna? Haben sie alle Dokumente mit? Ich habe nur gehorsam „ja“ gesagt, und schweigend gingen wir in ihr persönliches Büro. Sie verschloss die Tür und schaltete das Telefon aus. Oh mein Gott, dachte ich – der KGB schläft nie.

Wir setzten uns und sie begann sofort zu sprechen. Eigentlich führte sie einen Monolog, denn ich hatte keine Möglichkeit ein Wort zu sagen. Sicher die Gewohnheit eine Rede zu halten oder einfach nur Arroganz. Sie erklärte mir Ihre Ansprüche: Der neue Mann an Ihrer Seite darf nicht älter als 55 sein, nicht kleiner als 1,85 Meter, sportlich, Nichtraucher, kein Alkohol, ohne Kinder, mit Hochausbildung, mit eigenem Kapital, und ein Haus im Süden. Kein Ukrainer! Wäre nicht schlecht, wenn er selbst Politiker wäre. Nachdem sie ihre Rede endlich beendet hatte, habe ich nur einen Satz gesagt: „Wenn ich so einen Mann finde, würde ich ihn selbst nehmen.“ In diesem Moment wusste sie nicht, ob sie lachen sollte, oder ob ich das ernst meine. Mir war das selbst nicht klar. Aber bekanntlich findet sich in jedem Witz viel Wahrheit wieder.

Um die Situation nicht abgleiten zu lassen fragte ich nach: „Welche Fremdsprache beherrschen sie?“ Antwort: „Keine“. „Können Sie mit dem Computer umgehen?“ Antwort: „Wozu, ich habe zwei Sekretärinnen.“ „Haben Sie das Wort Internet gehört?“ Antwort: „Ja, ein paar Mal von meinem Sohn.“ „Können Sie gut kochen oder backen?“ Antwort: „Das mache ich schon seit 10 Jahren nicht mehr, dafür habe ich Personal und das war für mich nie von Interesse.“ „Haben Sie schöne Fotos, möglichst privat gehalten?“ Antwort: „Alles muss diskret und ohne Fotos laufen.“ Gedankenpause. Ich sah auf die Bilder im Büro und dachte nach.

Dann begann mein Monolog. „Sie haben keine Fremdsprache, wie werden sie mit ihrem Mann sprechen? Sie kennen keinen Computer, aber in ihren Briefen werden sie schreiben, dass sie Top-Managerin sind, das kann kein Mensch im Westen verstehen. Sie haben keine Lust zu Hause zu kochen, von solchen Frauen gibt es in Deutschland mehr als genug. In der Ukraine sind sie Spitzenpolitikerin, aber für einen ausländischen Mann sind sie in seiner Heimat nichts. Außerdem möchte der Mann eine Frau an seiner Seite und keine Politikerin.“

Schweigen. Die Frau Abgeordnete schaute auf mich herab. In Ihren Augen war ich ein Niemand. Sie konnte es sichtlich nicht ertragen was ich gesagt habe, vermutlich konnte die Kritik der Opposition im ukrainischen Parlament kaum härter ausfallen. Schließlich brach sie die erneute Stille: „Möchten sie also nicht für mich arbeiten?“ Ich entgegnete ihr: „Wenn sie ihre Ansprüche auf ein normales Maß reduzieren, dann bin ich bereit.“ Pause. Schweigend wies sie mir die Tür. Genauso schweigend verließ ich das Büro. Nach Hause bin ich mit der U-Bahn gefahren.

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