Evonik Industries: Der graue Schwan von Essen

Wenn der Alchemist die Rechnung präsentiert
(DE000EVNK013)

Vis-à-vis zum Essener Hauptbahnhof und direkt vor den Toren der Innenstadt: Dort, wo das Herz der alten Deutschland AG noch immer schlägt – wenn auch manchmal mit Rhythmusstörungen. Du stehst vor der Konzernzentrale von Evonik. Im Ruhrpott wurde früher Kohlegeschichte geschrieben, heute wird an der Zukunft der Chemie getüftelt. Doch wenn du auf dein Depot schaust, fühlst du keine Aufbruchstimmung. Du fühlst Ernüchterung.

Evonik, jahrelang der verlässliche Anleihe-Ersatz für den deutschen Sparer, hat ein Tabu gebrochen. Die Dividende wurde gekürzt. Von den fast schon heiligen 1,17 Euro auf glatt 1,00 Euro für das Jahr 2025. Für viele Anleger fühlt sich das an wie ein kalter Entzug.

Christian Kullmann, der Chef mit dem BVB-Schal und der Lust an der klaren Kante, nennt es „finanzielle Flexibilität“. Er spricht von einer neuen Ära, in der man nur das ausschüttet, was man auch wirklich verdient hat. Schluss mit der Substanz-Auszehrung.

Aber genau hier, in diesem Moment des Schmerzes, musst du genauer hinsehen. Denn während der Markt noch seine Wunden leckt, baut Evonik im Maschinenraum alles um. 2.000 Stellen fallen weg, alte Zöpfe werden abgeschnitten, und in den Laboren wachsen Bakterien, die Erdöl überflüssig machen sollen. Ist das der Anfang vom Ende eines Industrieriesen? Oder ist es der Moment, in dem der graue Schwan endlich lernt, wie man fliegt?

Atme kurz durch. Vergiss den Frust über die Dividende. Wir schauen jetzt unter die Haube.


Das Geschäftsmodell: Hightech im Industriemaßstab

Um Evonik zu verstehen, musst du vergessen, was du über klassische Chemie weißt. Hier geht es nicht (mehr) darum, Tankwaggons voll Säure zu verkaufen. Evonik verkauft Effekte.

Stell dir vor, du kaufst ein modernes Spülmittel. Dass es fett löst, ohne deine Hände zu verätzen, liegt an Rhamnolipiden. Das sind Bio-Tenside, die Evonik nicht aus Erdöl kocht, sondern von Bakterien in riesigen Tanks fermentieren lässt – gefüttert mit Zucker. Das ist Hightech-Biologie im Industriemaßstab.

Oder nimm deinen Laufschuh. Die Sohle, die dich abfedert, besteht oft aus Hochleistungspolymeren (PA12). Ein Kunststoff, der nicht bricht, wenn es kalt wird, und nicht schmilzt, wenn es heiß wird. Evonik ist hier der Weltmeister. Sie liefern das Pulver, aus dem 3D-Drucker Ersatzteile zaubern, und die Leitungen, die in Elektroautos die Batterien kühlen.

Seit April 2025 ist der Laden simpel sortiert:

  1. Custom Solutions: Der Maßanzug. Hier wird für den Kunden getüftelt. Margenstark, forschungsintensiv, nah am Konsumenten (Kosmetik, Medizin).
  2. Advanced Technologies: Die Fabrik. Hier geht es um Menge und Prozesskunst. Polyamide für Autos, Kieselsäure für Reifen, Methionin für Hühnerfutter.
  3. Die Infrastruktur (Syneqt): Seit Januar 2026 eine eigene Firma. Sie betreiben die Chemieparks. Dampf, Strom, Sicherheit. Das ist das „Betongold“, das man vielleicht bald zu Geld machen will.

Kurz gesagt: Evonik liefert die Zutaten, die gute Produkte noch besser machen. Sie sind die „Intel Inside“ deiner Zahnpasta und deines Autos.


Wo das Geld wirklich hängen bleibt

Jetzt wird es ernst. Hype ist laut, Cashflow ist leise. Schauen wir uns die Zahlen an, wie sie im Februar 2026 auf dem Tisch liegen.

Der Umsatztrend: Schrumpfen für die Fitness

Evonik wird kleiner. Der Umsatz ist 2025 auf 14,1 Milliarden Euro gefallen (Vorjahr: 15,2 Mrd. €). Warum? Weil man Geschäfte verkauft hat, die nur Umsatz, aber keinen Gewinn brachten (wie die Superabsorber für Windeln), und weil man Preise senken musste, um im Wettbewerb zu bestehen. Das ist kein Unfall, das ist Absicht. Man will „Value over Volume“.

Die Marge: Der ewige Kampf

Das bereinigte EBITDA liegt bei knapp 1,9 Milliarden Euro. Die Marge dümpelt bei etwa 13,3 Prozent. Hand aufs Herz: Für einen Spezialchemie-Konzern ist das zu wenig. Die Konkurrenz (Symrise, Croda) spielt in der 20-Prozent-Liga. Evonik schleppt noch zu viel Ballast mit sich herum.

Die Dividende: Der neue Realismus

Die Kürzung auf 1,00 Euro und die neue Regel (Ausschüttung von 40–60 % des bereinigten Nettoergebnisses) sind ein Schock, aber notwendig. Die Dividendenrendite ist mit rund 6 % (beim Kurs von ~16 €) immer noch üppig. Aber sie ist nicht mehr garantiert. Du bist jetzt Unternehmer, kein Rentenempfänger mehr.

Verschuldung & Cashflow

Die Schulden sind kontrollierbar (Leverage Faktor ca. 2,4x). Der Free Cashflow war 2025 mit fast 700 Millionen Euro ordentlich. Aber: Ein großer Teil davon fließt in den Umbau, nicht in dein Portemonnaie.


Das Spannungsfeld: Stärke trifft Risiko

Hier entscheidet sich, ob du kaufst oder rennst. Wir stellen die Argumente gegeneinander – ohne Tabellen, direkt Mann gegen Mann.

Die Stärke von Evonik ist ihre Ingenieurskunst. Niemand auf der Welt beherrscht die Kette von C12-Polyamiden so effizient wie die Truppe in Marl. Die neuen Bio-Anlagen in der Slowakei sind technologisch Jahre voraus. Wenn der „Green Deal“ der EU greift, hat Evonik die Lösungen, nach denen alle suchen. Sie haben Burggräben gebaut, die tief sind.

Doch da lauert das Risiko, und es spricht Chinesisch. Christian Kullmann warnt seit Jahren davor: China ist nicht mehr nur Kunde, China ist Rivale. Bei Produkten wie Methionin (Tierfutter) haben chinesische Firmen riesige Kapazitäten aufgebaut. Sie fluten den Markt. Wenn Evonik technologisch nicht permanent wegrennt, werden sie von der billigen Masse überrollt.

Die Chance liegt im radikalen Aufräumen. Das Portfolio wird geputzt. Wenn Evonik es schafft, die schwankenden Petrochemie-Teile (C4-Verbund) und die Infrastruktur (Syneqt) zu verkaufen oder Partner zu finden, könnte der Aktienkurs explodieren. Der Markt bewertet Evonik wie eine alte Chemiebude. Aber in ihr steckt ein schlanker Spezialist. Diese Lücke zu schließen, ist die Wette.

Die Schwäche ist der Standort Deutschland. Hohe Energiepreise, Bürokratie, langsame Genehmigungen. Evonik hat den Rucksack „Ruhrgebiet“ auf dem Rücken. Sie versuchen, ihn durch Effizienz leichter zu machen, aber ablegen können sie ihn nicht.


Was gerade wirklich passiert

Wir schreiben Februar 2026. Das sind die News, die den Kurs bewegen:

  • Der Kahlschlag („Evonik Tailor Made“): Es wird nicht mehr nur geredet, es wird gestrichen. Eine komplette Führungsebene verschwindet. Bis zu 2.000 Jobs fallen weg. Das bringt Unruhe in die Kantine, aber Applaus von den Analysten. Es ist der Versuch, die Verwaltungskosten dauerhaft zu senken.
  • Der asiatische Fußabdruck: In Singapur läuft die neue Anlage für Alkoxide auf Hochtouren. Das ist wichtig für Biodiesel und Recycling. Evonik investiert dort, wo das Wachstum ist – in Asien. Das ist ein Hedge gegen die europäische Stagnation.
  • Die RAG-Stiftung: Lange Zeit hing die Angst über der Aktie, dass die Stiftung Anteile auf den Markt wirft, um ihre Anleihe 2026 zu bedienen. Doch die Signale sind jetzt Entspannung. Die Stiftung bleibt Ankeraktionär, aber Evonik emanzipiert sich. Die Dividendenkürzung beweist: Man tanzt nicht mehr nur nach der Pfeife des Großaktionärs.

Essay: Das Alchemisten-Dilemma – Deutschland auf der Couch

Vom Schmerz der Verwandlung und der Hoffnung auf neues Gold.

Wenn wir über Evonik sprechen, sprechen wir eigentlich über uns selbst. Über die „Deutschland AG“. Es gibt kaum eine Aktie, die so sehr als Spiegelbild für den Zustand unserer Industrienation dient wie dieser Konzern aus Essen. Evonik ist das Destillat dessen, was dieses Land groß gemacht hat – und was es jetzt quält.

Fünfzig Jahre lang war das Geschäftsmodell so simpel wie genial: Wir importieren billige Energie (Gas aus dem Osten), veredeln sie mit Weltklasse-Ingenieurskunst in riesigen Verbundstandorten und exportieren die fertigen Spezialmoleküle teuer in die ganze Welt. Es war eine globale Arbitrage-Maschine. Evonik war einer ihrer effizientesten Motoren.

Dieses Modell ist Geschichte.

Das Gas ist teuer. China ist nicht mehr der hungrige Kunde, der alles kauft, was „Made in Germany“ draufstehen hat. China ist jetzt der hungrige Rivale, der eigene Chemiefabriken baut, die größer, moderner und oft auch billiger sind. Christian Kullmann, der CEO von Evonik, hat das früher erkannt als viele Politiker. Seine Warnungen vor der Deindustrialisierung klingen oft schrill, fast apokalyptisch („Wir riskieren den Wohlstand dieses Landes“). Aber sie sind notwendig. Er ist der Rufer in der Wüste, der sagt: „Der Kaiser ist nackt, und ihm ist kalt.“

Das Erbe der schwarzen Kohle

Um die Schwere der Aufgabe zu verstehen, muss man zurückblicken. Evonik ist das „weiße“ Kind der „schwarzen“ RAG. Das Unternehmen wurde gebaut, um die Ewigkeitslasten des deutschen Steinkohlebergbaus zu finanzieren. Jedes Jahr müssen Millionen gepumpt werden, damit das Ruhrgebiet nicht absäuft. Dafür brauchte die RAG-Stiftung Geld – viel Geld. Und Evonik musste liefern. Jahrelang. Die Dividende war keine Gewinnbeteiligung, sie war eine Staatsaufgabe. Das führte zu einer Kultur, in der der Cashflow oft wichtiger war als die Innovation. „Melken statt Füttern“ war zwar nie die offizielle Strategie, aber oft die finanzielle Realität.

Eine historische Zäsur. Mit der Kürzung der Dividende auf 1,00 Euro und der Koppelung an den tatsächlichen Gewinn emanzipiert sich Evonik von seiner Herkunft. Das Unternehmen sagt: „Wir müssen erst in uns selbst investieren, bevor wir andere finanzieren können.“ Das ist brutal für den Einkommens-Investor, aber überlebenswichtig für die Firma.

Die Biologie als neuer Hochofen

Schau dir an, wohin das Geld jetzt fließt. Nicht mehr in neue Cracker im Ruhrgebiet. Es fließt in Fermenter in der Slowakei. Die Geschichte der Rhamnolipide ist beispielhaft für das neue Evonik. Unilever brauchte ein Tensid für sein Spülmittel, das den Schmutz löst, aber nicht aus Erdöl besteht. Evonik hat gesagt: „Wir können das.“

Aber der Weg dahin war die Hölle. Bakterien dazu zu bringen, im Industriemaßstab Seife zu produzieren, ohne dass der Schaum den ganzen Reaktor sprengt, ist eine der schwierigsten Aufgaben der Verfahrenstechnik. Evonik hat Jahre gebraucht. Sie haben geflucht, sie haben Geld verbrannt. Aber jetzt steht die Anlage. Sie ist weltweit einzigartig. Das ist der Burggraben der Zukunft. Es ist nicht mehr die schiere Größe der Anlage, sondern die Komplexität des biologischen Prozesses, die die Konkurrenz abhält. Hier verwandelt sich der alte Chemie-Riese in einen Biotech-Konzern.

Das Kunststoff-Paradox

Ein anderes Beispiel: Polyamid 12 (PA12) in Marl. Ein weißes Pulver, unscheinbar. Aber ohne dieses Pulver hätten wir ein Problem. Es steckt in den Gasleitungen unter der Straße, es steckt in den Bremssystemen von LKW, es steckt in den Sohlen von Profi-Fußballern. Evonik hat hier eine Marktmacht, die fast schon unheimlich ist. Als vor Jahren eine Vorstufe in der Produktion explodierte, stand die weltweite Autoindustrie kurz vor dem Herzinfarkt.

Das zeigt die Stärke: Evonik ist systemrelevant. Aber es zeigt auch die Gefahr: Wenn die Weltwirtschaft hustet, wenn VW und Ford weniger Autos bauen, dann füllen sich die Lager in Marl. Evonik ist zyklisch. Egal wie sehr sie „Spezialchemie“ rufen, sie hängen am Tropf der globalen Konjunktur. Und die ist 2026 wackelig.

Die Psychologie des Anlegers

Für dich als Anleger ist das eine psychologische Herausforderung. Der deutsche Sparer liebt Beständigkeit. Er liebte Evonik als die Aktie, die jedes Jahr verlässlich zahlte, egal ob es stürmte oder schneite.

Diese Illusion ist zerstört. Evonik ist keine Anleihe mehr. Es ist eine Wette. Eine Wette darauf, dass das Management es schafft, den Tanker umzubauen, während er bei voller Fahrt durch einen Sturm segelt. Das Programm „Tailor Made“ – der Abbau von Hierarchien, das Streichen von Stellen – ist kein reines Sparprogramm. Es ist der Versuch, Geschwindigkeit aufzunehmen. In einer Welt, in der chinesische Konkurrenten eine Entscheidung in drei Tagen treffen, kann Evonik nicht drei Monate für einen Ausschuss-Termin brauchen.

Ist der Schwan bereit?

Der Markt preist Evonik aktuell als sterbenden Riesen. Ein KGV von 13 bis 15, eine Dividendenrendite von 6 % – das sind Werte für ein Unternehmen ohne Fantasie. Vielleicht irrt der Markt. Vielleicht sehen wir hier einen erwachenden Athleten, der gerade nur Muskelkater vom harten Training hat.

Die Transformation weg von der „Old Economy“ (Verkauf der C4-Chemie, Verselbstständigung von Syneqt) ist konsequent. Wenn Evonik es schafft, sich als Technologie-Konzern neu zu erfinden, der Lösungen für die Kreislaufwirtschaft liefert, dann sind die heutigen Kurse ein Witz. Aber – und das ist das große Aber – bis dahin ist es ein steiniger Weg. Es wird Quartale geben, die wehtun. Es wird Nachrichten geben, die nerven.

Wer hier investiert, braucht mehr als Geld. Er braucht Sitzfleisch. Und den Glauben daran, dass deutsche Ingenieurskunst auch im Zeitalter der Biologie noch Weltklasse sein kann.


Fazit des Autors

Evonik ist nichts für schwache Nerven, aber alles für Antizykliker. Das Management tut genau das Richtige: Kosten runter, Komplexität raus, Fokus auf die Zukunft.

Was spricht dafür? Du bekommst Weltmarktführerschaft in Nischen (PA12, Silica, Care Solutions) zu einem Preis, der kaum die Baukosten der Fabriken deckt. Die Bilanz ist solide, die Dividende – auch gekürzt – attraktiv.

Wo liegt das reale Risiko? China und die Konjunktur. Wenn die Weltwirtschaft 2026 in eine Rezession rutscht, nützt das beste Sparprogramm nichts. Dann fallen die Gewinne.

Welche Erwartung ist eingepreist? Pessimismus. Der Markt erwartet Stagnation. Jede positive Überraschung (schnellerer Verkauf von Sparten, anziehende Konjunktur) ist ein „Free Lunch“ für dich.

Evonik ist kein „Get Rich Quick“-Schema. Es ist eine „Get Rich Slow“-Aktie für Menschen, die verstehen, dass Transformation Zeit braucht.


Ein Wort in eigener Sache

Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele. Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen. Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung. An der Börse gibt es keine Garantien.

Nach oben scrollen