Ständig arbeiten in der verbotenen Zone von Tschernobyl viele Tausend Menschen. Das sind in erster Linie Ingenieure, Wissenschaftler, Militärs und vor allem Arbeiter. Letztere kümmern sich um Rückbau und Konservierung der maroden Atomanlagen. Durch den Neubau des Sarkophags sind derzeit zusätzlich viele Mitarbeiter westlicher Unternehmen vor Ort.

Seit einigen Jahren dürfen neben Offiziellen auch private Bürger in die Tschernobyl-Zone einreisen. Inzwischen ist ein regelrechter Tschernobyl-Tourismus mit rasch wachsenden Besucherzahlen entstanden. Die Geisterstadt Pripyat ist längst keine Geisterstadt mehr. Jeden Tag werden Besuchergruppen durch die Stadt geführt. Da lag es nahe, Arbeitern und Touristen ein wenig mehr Komfort zu bieten.

So hat die Regierung in Kiew schon 2008 die Konzession für eine McDonalds-Filiale in Pripyat erteilt. Das Restaurant wurde nun im Sommer 2010 eröffnet und durch Angehörige des Militärs unterhalten. Das soll noch wer behaupten, die Ukrainer sind nicht geschäftstüchtig. Vor wenigen Wochen besuchte ich die Geisterstadt Pripyat erneut, vor gut fünf Jahren war ich schon einmal in der Stadt.

Das neue Restaurant befindet sich in einer ehemaligen Schule, recht zentral in der Stadt gelegen. Schon von weitem ist das „M“ zu erkennen, das gelbe Logo wirkt etwas verloren im Umfeld von Zerfall und Apokalypse. Eigentlich habe ich Pripyat als eine stille Stadt in der Erinnerung. Natürlich hört man den Wind rauschen und die Vögel zwitschern, aber das brummen von Generatoren wirkt in Mitten der Trümmer ausgesprochen befremdlich.

Die Atommeiler von Tschernobyl sind schon lange abgeschaltet und trotzdem muss irgendwo der Strom für das Restaurant herkommen. Komische Gedanken bewegen mich: Hätte der Kern des Reaktors IV eine Seele, was würde sie jetzt über den Dieselgenerator denken? Nur ein Hauch von Blubbern, im Vergleich zur Urgewalt einer Kernspaltung? Ich habe keine Ahnung und der Reaktorkern keine Seele.

Um in das eigentliche Restaurant zu gelangen muss ich eine Schleuse mit Waschgelegenheit passieren. Rollbürsten säubern mein Schuhwerk, eine zwingende Vorschrift. Am Ende der Prozedur betrete ich einen Scanner für Radioaktivität. Ja genau, so ein Teil wie er jetzt auf allen Flughäfen der Welt auftaucht. Nur werde ich nicht mit Strahlung durchleuchtet, vielmehr wird meine persönliche Ausstrahlung gemessen. Eine grüne Lampe flackert auf und ich darf das Restaurant betreten.

Was wäre eigentlich bei einer roten Leuchte passiert? Mein Gedanke verliert sich, als schlagartig vertraute Geräusche in meinen Ohren klingen. Das Gemurmel der Gäste, das übliche piepsen und scheppern der McDonalds-Kassen und Backöfen. Mitten in der Geisterstadt ein Hort der Zivilisation. Ein Konsumtempel. Wie ich es vielleicht schon Hundert mal zuvorgetan habe, trete ich an die Kasse und kann mich spontan für kein Menu entscheiden.

Und diesmal ist es noch einen Tick schwieriger, denn das Angebot ist weniger umfangreich, als sonst in einer McDonalds-Filiale üblich. Zum Beispiel gibt es keinen Salat und auch nicht jede Burger-Variation. Hamburger Royal ja aber mit Tomaten nein. Ich bestelle mir einen Cheeseburger und ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk ohne Zucker. Hinter der Kasse steht keine junge Hübsche, eher eine standfeste Mafka mittleren Alters. Nun, die meisten Besucher der Geisterstadt kommen noch immer aus dem Raum der ehemaligen Sowjetunion. Noch ist der Ausländeranteil eher gering, will sagen, das Muttchen an der Kasse versteht mich nicht.

Der Filialleiter wird aufmerksam, ein junger Bursche, er hilft der Mafka und mir aus der vermeintlichen Patsche. Kein Thema und alle lächeln wir freundlich. Zumal ich jetzt meine paar Wörter Russisch mit in die Waagschale werfe. Das Restaurant ist überschaubar und im Moment auch nicht so richtig üppig besucht. Die Mittagszeit ist vorbei und die Arbeiter basteln schon längst wieder an den marodierenden Atomanlagen von Tschernobyl. In einem Eck sitzen ein paar mutmaßliche Ingenieure oder Techniker, die Hand voll Tschernobyl-Touristen sind leichter zu erkennen. Ich wähle mir einen Platz zwischen Einheimischen und Besuchern.

Kurze Zeit später gesellt sich der Filial-Manager, ein Pappbecher Kaffee in der Hand, zur mir an den Tisch. Er stellt sich als Sergej vor und fragt mich auf Englisch, ob ich mit dem Service zufrieden sei. Sergej rührt dabei seinen Kaffee um. So kommen wir ins Gespräch und ich erfahre, im Restaurant gibt es ein Überdruck und in der Schleuse einen Unterdruck. Damit soll das Einschleppen von radioaktiven Stoffen verhindert werden. Die Belüftungsanlage ist Made in Germany, Sergej scheint sich über diese Tatsache ganz besonders zu freuen.

Tatsächlich wurde die „Klimaanlage“ in Teilen aus einem alten Atomschutzbunker im Brandenburgischen ausgebaut und per Bahn nach Kiew transportiert. Allerdings nicht in jüngster Vergangenheit, sondern vielmehr Anfang der 90er Jahre, als die glorreiche Rote Armee Ostdeutschland räumte. Was nicht Niet- und Nagelfest war, wurde derzeit mitgenommen. Nun also bewährte sich die Technik des Kalten Krieges im kontaminierten Pripyat von heute.

Sergej lädt mich zu einem Becher Kaffee ein und erzählt weiter: Er selbst kam nach dem Super-GAU zur Welt, aber seine schwangere Mutter wurde im April 1986 evakuiert, 36 Stunden nach dem Super-GAU. Sergej deutet mir rüber zur Kasse, die Mafka, das ist seine Mutter. Offenbar musterte ich Sergej mit staunenden Augen, jedenfalls versichert er mir lachend, bei ihm sei alles in Ordnung. Sergej ist ein gesunder junger Mann.

Mir brennt eine Frage auf der Zunge: Warum gibt es keine Salate? Und keine Tomaten im Burger? Die Touristen mögen keinen Salat, erklärt mir Sergej trocken. Erneut schaue ich auf Sergej wie ein Fragezeichen. Wie nicht? Naja, hier in der Tschernobyl-Zone gibt es viele alte Menschen, Rückkehrer, die in ihren Gärten oder auf ihren Feldern Salat und Gemüse anbauen. Schlagartig wird mir klar, was Sergej mir eigentlich sagen will: Klar, die Gäste denken, das Zeugs stammt aus der Region. Und wer möchte schon frischen Salat aus Tschernobyl essen?

(Oktober 2010)