Das Rückgrat der KI-Revolution
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Stell dir vor, du stehst in einem fensterlosen Bunker in Virginia oder Frankfurt. Es ist laut. Ein monotones, aggressives Surren füllt die Luft, als würden tausende Bienenstöcke gleichzeitig vibrieren. Die Luft ist kühl, künstlich, trocken. Um dich herum: endlose Reihen schwarzer Schränke, blinkende LEDs in Grün und Orange, armdicke Kabelstränge, die wie Adern an der Decke verlaufen.
Hier riecht es nicht nach Innovation. Hier riecht es nach Ozon und heißem Metall.
Wir nennen es „die Cloud“. Ein wolkiger, leichter Begriff für etwas, das in Wahrheit tonnenschwer ist. Wenn du auf deinem Smartphone streamst, eine KI fragst oder Geld überweist, dann passiert das nicht im Äther. Es passiert hier. In Beton, Stahl und Kupfer.
Der Global X Data Center REITs & Digital Infrastructure ETF ist nicht der glamouröse App-Entwickler im Kapuzenpulli. Er ist der Vermieter, der dem Entwickler die Schlüssel zum Serverraum gibt – und jeden Monat die Miete kassiert. Egal, ob die App floppt oder fliegt.
Das Geschäftsmodell – Wer verdient hier wie Geld?
Dieser ETF kauft keine Tech-Aktien im klassischen Sinne. Er kauft Betongold für das digitale Zeitalter. Das Portfolio teilt sich im Wesentlichen in zwei Welten:
- Die Daten-Hotels (Data Center REITs): Unternehmen wie Equinix oder Digital Realty. Sie bauen hochsichere Gebäude, sorgen für Strom (unfassbar viel Strom), Kühlung und Sicherheit. Ihre Mieter? Amazon, Microsoft, Google, Banken. Die Mieter stellen ihre Server rein („Colocation“) oder mieten ganze Rechenkapazitäten. Die Verträge laufen lang, die Wechselkosten sind brutal hoch. Wer zieht schon mal eben mit 10.000 Servern um?
- Die Funkmast-Könige (Tower REITs): Unternehmen wie American Tower oder Crown Castle. Sie besitzen die Stahlgerüste, an denen Telekommunikationsfirmen ihre 5G-Antennen aufhängen. Auch hier: Einmal gebaut, sprudelt die Miete fast automatisch.
Der Clou: Die meisten dieser Firmen sind als REITs (Real Estate Investment Trusts) strukturiert. Das heißt, sie müssen den Großteil ihrer Gewinne ausschütten, um steuerlich begünstigt zu sein. Wenn man die „Acc“ (thesaurierende) Variante des ETF gewählt hat, landen diese Dividenden nicht auf dem Anleger-Konto, sondern werden sofort wieder in neue Anteile investiert. Der Zinseszins-Turbo läuft also auf Hochtouren.
Wo das Geld wirklich hängen bleibt
Lass uns hinter die Fassade blicken. Dieser ETF ist kein breit gestreuter Welt-Fonds. Er ist eine konzentrierte Wette.
- Kopflastigkeit: Rund 50 % des gesamten Geldes stecken in den Top 5 bis 6 Holdings (Equinix, Digital Realty, American Tower, Crown Castle, NextDC). Du kaufst also im Grunde einen Korb der globalen Marktführer. Wenn einer von denen hustet, kriegt der ETF Schnupfen.
- Die Bilanz-Realität: REITs lieben Schulden. Immobilien kauft man auf Pump. Das war in der Null-Zins-Ära ein Fest, wurde 2022/2023 aber zum Albtraum. Die Zinskosten fraßen die Gewinne. Aber: Die Bilanzen der großen Player (wie Equinix) sind stabil genug, um das auszusitzen.
- Umsatzqualität: Die Mieteinnahmen sind extrem gut planbar. Inflation? Viele Verträge haben automatische Preisanpassungsklauseln. Das ist der Burggraben: Die digitale Welt braucht physischen Platz. Und Platz ist endlich.
Merksatz: Tech-Aktien verkaufen Träume und Wachstum. Dieser ETF verkauft Quadratmeter und Kilowattstunden.
Das Spannungsfeld – Stärke trifft Risiko
Hier kracht es im Gebälk – im positiven wie im negativen Sinne.
Der Bullen-Case (Warum es fliegt): KI ist hungrig. Eine ChatGPT-Anfrage verbraucht schätzungsweise 10-mal so viel Strom wie eine Google-Suche. Die großen „Hyperscaler“ (Microsoft, Meta, Google) reißen sich gerade förmlich um Rechenzentrumskapazitäten. Die Leerstandsraten in Top-Lagen wie Nord-Virginia sinken auf Rekordtiefs. Die Vermieter haben Preismacht. Sie können die Mieten diktieren.
Der Bären-Case (Wo es wehtut): Zinsen und Strom. Wenn die Zinsen hoch bleiben („Higher for longer“), leiden REITs doppelt: Die Refinanzierung wird teuer, und Anleihen werden als Alternative attraktiver. Der Strom fehlt! In vielen Regionen (Frankfurt, London, Amsterdam) gibt es faktisch einen Baustopp für neue Rechenzentren, weil das Stromnetz kollabiert. Kein Strom = kein Wachstum. Das schützt zwar die bestehenden Gebäude (Burggraben!), bremst aber die Expansion.
Was gerade wirklich passiert (Stand: Februar 2026)
Wir haben gerade eine der spannendsten Phasen für diesen Sektor.
- Equinix Q4 2025 Zahlen: Das ist der Pulsgeber des Sektors. Die Nachricht, der Umsatz wurde zwar leicht verfehlt, aber der Ausblick auf 2026 ist massiv. Das Management strotzt vor Selbstbewusstsein („Highly confident“). Warum? Weil 60 % der großen Deals im letzten Quartal direkt mit KI zu tun hatten. Die Auftragsbücher sind voll.
- Dividenden-Signal: Equinix hat die Dividende gerade um 10 % erhöht. Ein Management, das Angst vor der Zukunft hat, tut das nicht.
- Der „Pivot“: Die Zinswende (erste Senkungen) wirkt wie Balsam. Der Sektor, der 2023/24 oft hinter dem breiten Tech-Markt zurückblieb, beginnt aufzuholen. Die „Bewertungslücke“ schließt sich langsam.
Essay des Autors: Die Cloud hat ein Fundament – und es besteht aus Beton
Wir leben in einer Illusion der Immaterialität. Wir wischen über Glasplatten, und Dinge passieren. Wir laden Daten in die „Cloud“ und fühlen uns frei. Aber diese Freiheit ist eine Lüge – oder zumindest eine sehr teure Dienstleistung.
Der Global X Data Center ETF ist die Investition in das Ende dieser Illusion. Er ist die Wette darauf, dass die virtuelle Welt immer mehr physische Ressourcen verschlingen wird.
Lange Zeit war der Deal einfach: Moore’s Law sorgte dafür, dass Chips immer kleiner, effizienter und schneller wurden. Wir bekamen mehr Leistung für weniger Platz. Doch mit dem KI-Boom hat sich die Physik gerächt. Die neuen KI-Chips (wie Nvidias Blackwell-Serie) sind keine kühlen Rechner, sie sind Heizstrahler. Sie brauchen Platz, sie brauchen spezielle Flüssigkeitskühlung, und sie brauchen Strommengen, die früher Kleinstädte versorgt haben.
Das verändert die Rolle der Rechenzentrums-Betreiber fundamental. Früher waren sie Lageristen für Daten. Heute sind sie Energie-Manager. Die wertvollste Ressource von Unternehmen wie Digital Realty ist nicht mehr der Quadratmeter Boden, sondern der gesicherte Stromanschluss. Ein Rechenzentrum mit einer genehmigten 100-Megawatt-Leitung ist heute so wertvoll wie eine Ölquelle im letzten Jahrhundert.
Doch hier liegt auch die Ironie für den Anleger: Während Nvidia und Microsoft im Rampenlicht stehen und an der Börse explodieren, mussten die „Vermieter“ in diesem ETF zuletzt bluten. Warum? Weil sie wie Immobilienunternehmen bewertet wurden, nicht wie Tech-Firmen. Der Markt sah nur „Schulden“ und „Zinsen“. Er übersah dabei fast, dass ohne diese Betonklötze keine einzige Zeile KI-Code generiert werden kann.
Jetzt, im Jahr 2026, scheint der Markt aufzuwachen. Die Erkenntnis sickert durch: Die digitale Infrastruktur ist genauso kritisch wie Straßen oder Brücken. Und sie ist knapp. Baugenehmigungen dauern Jahre. Transformatoren haben Lieferzeiten von 50 Wochen. Das Angebot ist starr, die Nachfrage explodiert.
Wer in diesen ETF investiert, muss verstehen: Du kaufst hier keine Software-Skalierbarkeit, bei der der nächste Kunde null Kosten verursacht. Du kaufst harte Assets. Das Wachstum ist langsamer, zäher, kapitalintensiver. Aber es ist auch schwerer anzugreifen. Eine KI-Software kann morgen durch eine bessere ersetzt werden. Ein Glasfaserknotenpunkt in Frankfurt, an dem 800 Netzwerke zusammenlaufen, ist nahezu unersetzbar.
Das ist der Kern: Es ist der Schutzwall gegen die Flüchtigkeit der Tech-Branche. Ein Investment in die Schwerkraft der Daten.
Fazit des Autors
Dieser ETF ist ein Hybridwesen. Er trägt das Trikot der Tech-Branche, spielt aber nach den Regeln des Immobilienmarktes.
- Was spricht dafür? Die Unausweichlichkeit. Egal welche KI gewinnt, egal ob wir im Metaverse leben oder nur noch 8K-Videos streamen – die Daten müssen irgendwo wohnen. Die Preismacht der großen Anbieter (Equinix, American Tower) ist real.
- Wo liegt das Risiko? In der Bewertung und den Zinsen. Wenn die Zinsen wider Erwarten wieder steigen, geht dieser Sektor in die Knie, egal wie toll KI ist. Zudem sind die Top-Positionen (Equinix, DLR) bereits sportlich bewertet. Der Markt erwartet Perfektion.
- Ist es eingepreist? Der „KI-Bonus“ ist teilweise drin, aber der „Zinssenkungs-Bonus“ hat noch Luft nach oben, sollten die Notenbanken 2026 weiter lockern.
Ein Wort in eigener Sache
Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele.
Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen.
Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen.
An der Börse gibt es keine Garantien.
Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung.