BioNTech: Goldrausch, Krebs und Zukunft

Der 17-Milliarden-Euro-Tresor
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Stell dir vor, du stehst vor einem verlassenen Goldgräberdorf. Die jubelnden Massen sind längst abgezogen, die Fernsehkameras abgebaut, und die Glücksritter haben ihre Zelte abgebrochen. Der Chart der BioNTech-Aktie sieht genau so aus: Ein gewaltiger Mount Everest im Jahr 2021, gefolgt von einem langen, schmerzhaften Abstieg in die Ebene der Realität. Wer hier 2021 auf dem Gipfel gekauft hat, leckt bis heute seine Wunden.

Aber wenn du durch dieses vermeintliche Geisterdorf gehst und die Tür zum Hauptquartier aufstößt, traust du deinen Augen nicht. Da sitzt niemand und weint alten Zeiten hinterher. Stattdessen arbeiten dort tausende Wissenschaftler unter Hochdruck – und im Keller steht ein Tresor, der bis unter die Decke mit Bargeld vollgestopft ist. Über 17 Milliarden Euro, um genau zu sein.

Kurz mal durchatmen. Wir sprechen hier nicht über ein sterbendes Start-up. Wir sprechen über das vielleicht größte, am besten finanzierte Biotech-Labor der Welt, das gerade einen epochalen Neustart hinlegt.

Lass uns herausfinden, was hier wirklich gespielt wird.

BioNTech: Vom Weltretter zum Krebsjäger

Was macht BioNTech heute? Vergiss den Corona-Impfstoff Comirnaty. Ja, er bringt noch ein bisschen Geld ein, aber er ist für die Zukunft dieses Unternehmens so relevant wie der Verkauf von Klingeltönen für Apple.

BioNTech baut sich gerade zu einem globalen Onkologie-Giganten um. Das Ziel: Bis 2030 ein Onkologie-Unternehmen mit mehreren zugelassenen Krebstherapien zu sein. Das Werkzeug dafür ist nicht mehr nur die berühmte mRNA-Technologie.

Die Mainzer haben ihr Arsenal massiv erweitert. Sie nutzen Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) – vereinfacht gesagt: winzige, zielsuchende Raketen, die Chemotherapie direkt in die Krebszelle schießen, ohne das gesunde Gewebe zu zerstören. Und sie setzen auf bispezifische Antikörper, die das Immunsystem des Patienten scharfstellen, damit es den Tumor selbst vernichtet.

Wie verdient man damit Geld? Im Moment noch gar nicht. In der Biotech-Branche schießt man Jahre, oft Jahrzehnte, Milliarden in die Forschung. Das Geld wird erst verdient, wenn ein Medikament die Zulassung erhält – dann aber fließen die Margen in Strömen. Bis dahin finanzieren sich Biotech-Firmen durch Partnerschaften. Und genau hier hat BioNTech einen massiven Hebel.

BioNTech: Wo das Geld wirklich hängen bleibt

Wenn du dir die klassischen Kennzahlen von BioNTech ansiehst, wird dir als Value-Investor erst einmal schlecht. Der Umsatz ist von absurden 19 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf erwartete 2,6 bis 2,8 Milliarden Euro im Gesamtjahr 2025 kollabiert.

Aber – und genau hier wird es spannend – dieser Umsatz von 2025 besteht zu einem riesigen Teil nicht mehr aus Impfstoffverkäufen. Im dritten Quartal 2025 wies BioNTech einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro aus. Der Grund? Eine massive Vorauszahlung des US-Pharmariesen Bristol Myers Squibb.

Lass uns in die Kasse schauen:

  • Der Cash-Berg: BioNTech beendete das Jahr 2025 mit einer Liquidität von 17,2 Milliarden Euro. Das ist kein Druckfehler.
  • Der Cash-Burn: Gleichzeitig verbrennt das Unternehmen Geld für Forschung. Die R&D-Kosten (Forschung & Entwicklung) lagen 2025 bei etwa 2,6 bis 2,8 Milliarden Euro.
  • Die Profitabilität: Im Q3 2025 stand unter dem Strich ein Nettoverlust von 28,7 Millionen Euro (bzw. 0,12 Euro Verlust pro Aktie).

Was bedeutet das? BioNTech macht operativ Verlust, weil die Forschungskosten die schrumpfenden Corona-Einnahmen übersteigen. Aber mit 17,2 Milliarden Euro auf der Bank können sie dieses Spiel problemlos noch sechs, sieben Jahre weiterspielen, ohne auch nur einen Cent frisches Kapital aufnehmen zu müssen.

„Wachstum ist schön. Aber ein randvoller Tresor lässt das Management nachts tief und fest schlafen.“

Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) ist hier völlig nutzlos, weil es derzeit keine nennenswerten Gewinne gibt. Die wahre Kennzahl ist der „Enterprise Value“ (Unternehmenswert). Bei einem Aktienkurs von rund 90 Euro liegt die Marktkapitalisierung bei etwa 23 Milliarden Euro. Zieht man davon die 17,2 Milliarden Euro Cash ab, bewertet die Börse die komplette Pipeline, alle Patente und das gesamte Wissen von BioNTech mit nur knapp 6 Milliarden Euro. Ein Witz für ein Unternehmen mit über 25 klinischen Studien.

BioNTech: Burggraben trifft auf Belagerung

Hand aufs Herz: Würdest du diesem Management dein eigenes Geld anvertrauen? Wenn man sich die Bullen- und Bärenargumente ansieht, gleicht BioNTech einem Rorschachtest. Du siehst, was du sehen willst.

Der Bulle in dir blickt auf die nackten Fakten: Keine Schulden, unendlicher finanzieller Spielraum und eine Onkologie-Pipeline, die so breit ist, dass nicht jedes Medikament ein Blockbuster werden muss. Selbst wenn 80 Prozent der Studien scheitern, reichen ein oder zwei Volltreffer, um den aktuellen Unternehmenswert zu vervielfachen. Zudem hat CEO Ugur Sahin bewiesen, dass er im entscheidenden Moment liefern kann. Er ist kein Träumer, er ist ein execution-getriebener Wissenschaftler.

Der Bär in dir lacht darüber bitter. Er erinnert daran, dass die Onkologie der größte Friedhof der Biotech-Geschichte ist. Krebs ist tückisch, mutiert und lässt Studien der Phase 3 reihenweise krachend scheitern. Der Bär flüstert dir ins Ohr: „Was ist, wenn Comirnaty ein absoluter Glückstreffer war? Ein One-Hit-Wonder? Was, wenn sie jetzt Milliarden in Krebstherapien pumpen, die am Ende von der FDA abgelehnt werden oder gegen Konkurrenzprodukte von Merck oder AstraZeneca keine Chance haben?“ Das Risiko ist real. Wenn BioNTech bis 2028 keine starken klinischen Daten liefert, wird der Cash-Berg langsam, aber sicher abschmelzen, und die Aktie wird zum Zombie.

BioNTech: Was gerade wirklich passiert

Die letzten sechs bis zwölf Monate bei BioNTech waren ein strategisches Feuerwerk. Wer nur auf den Aktienkurs schaut, hat das alles verpasst.

1. Das CureVac-Endspiel (Dezember 2025) Ende 2025 hat BioNTech seinen alten deutschen Rivalen CureVac in einem Aktientausch endgültig übernommen. Damit hat Sahin den mRNA-Markt in Europa konsolidiert. Es geht hier nicht um ein paar Laborratten, sondern um knallharte Patente, Lieferketten und die ultimative Vormachtstellung im Bereich des mRNA-Designs.

2. Der Ritterschlag durch Bristol Myers Squibb Mitte 2025 gab BioNTech eine gigantische Kooperation mit Bristol Myers Squibb (BMS) bekannt. Es geht um BNT327, einen bispezifischen Antikörper für solide Tumore. BMS hat nicht nur warme Worte gespendet, sondern direkt 1,5 Milliarden US-Dollar auf den Tisch gelegt (verbucht im Q3 2025), um bei der Entwicklung und Vermarktung dabei zu sein. Big Pharma verschenkt keine Milliarden – das ist ein gigantischer Vertrauensbeweis in die klinischen Vorab-Daten.

3. Die Deadline 2026 Auf der J.P. Morgan Healthcare Conference im Januar 2026 hat Ugur Sahin eine klare Ansage gemacht: „We see 2026 as a year when science translates into tangible results.“ (Wir sehen 2026 als ein Jahr, in dem sich Wissenschaft in greifbare Ergebnisse übersetzt). BioNTech erwartet 15 bis 17 späte Studienauslesungen (Readouts) in den Jahren 2026 und 2027. Das Warten hat ein Ende. Jetzt fallen die Würfel.

Essay: Das größte Biotech-Experiment der Geschichte

Wir müssen uns von einer Illusion verabschieden. Wer BioNTech heute kauft, kauft nicht das Unternehmen von 2021. Er kauft einen radikalen Neuanfang. Und genau in diesem Neuanfang liegt eine der faszinierendsten Storys, die der Aktienmarkt aktuell zu bieten hat. Lass uns tiefer graben und das Spielfeld betrachten, auf dem CEO Ugur Sahin gerade Schach spielt.

Ein Tresor mit angeschlossenem Labor

Fangen wir mit der nackten Mathematik an, denn die Anlegerpsychologie spielt der Logik hier gerade einen gewaltigen Streich. Der Markt hasst Unsicherheit. Und weil die Einnahmen aus dem Corona-Impfstoff schneller weggebrochen sind als ein Eiswürfel in der Sahara, hat die Wall Street BioNTech gnadenlos abgestraft. Der Kurs ist von über 350 Euro auf rund 90 Euro implodiert.

Aber machen wir doch mal die Rechnung auf: Die Marktkapitalisierung liegt bei etwa 23 Milliarden Euro. Im Tresor liegen 17,2 Milliarden Euro in bar und kurzfristigen Anlagen. Zieht man das Geld ab, sagt der Markt: „Liebes BioNTech-Team, eure mehr als 25 klinischen Studien, eure KI-Tochter InstaDeep, eure CureVac-Patente und euer globales Partnernetzwerk – all das ist uns zusammen gerade mal knapp 6 Milliarden Euro wert.“

Würdest du ein hochmodernes Labornetzwerk für 6 Milliarden kaufen, das gerade von Bristol Myers Squibb für nur ein einziges Medikament aus der Pipeline eine 1,5-Milliarden-Anzahlung kassiert hat? Die Bewertung ist nicht nur konservativ, sie grenzt an Zynismus. Die Wall Street preist aktuell fast das totale Scheitern der Onkologie-Pipeline ein.

Sahins ruhige Hand

Wenn Firmen plötzlich unvorstellbar reich werden, dreht das Management oft durch. Wir haben es bei so vielen Unternehmen gesehen: Überteuerte Prestige-Übernahmen, aberwitzige Aktienrückkaufprogramme auf dem Allzeithoch oder Wolkenkuckucksheim-Dividenden.

Und was hat Ugur Sahin gemacht? Er hat das Geld zusammengehalten wie ein schwäbischer Hausvater. Ja, es gab kleinere Aktienrückkäufe, aber das meiste Geld floss in kluge, strategische Mosaiksteine. 2023 kaufte er InstaDeep, um KI in das Design von Proteinen und mRNA zu integrieren. Ende 2025 schluckte er CureVac, um Patentstreitigkeiten zu beenden und das intellektuelle Eigentum zu monopolisieren.

Er kauft die Schaufeln und Spitzhacken für den nächsten Goldrausch. Das ist brillante Kapitalallokation. Das Geld fließt in die Skalierung der Forschung. BioNTech baut aktuell Produktionsstätten auf der ganzen Welt, um für den Tag X bereit zu sein – den Tag, an dem das erste Krebsmedikament die FDA-Zulassung erhält.

Der divergierende Pfad von Moderna und BioNTech

Es ist faszinierend, wie sich die Wege der beiden mRNA-Pioniere getrennt haben. Moderna hat den Fokus massiv auf weitere Infektionskrankheiten gelegt – RSV, Grippe, Kombi-Impfstoffe. Sie kämpfen im klassischen Impfstoffmarkt gegen etablierte Riesen wie GSK und Pfizer.

BioNTech hingegen ist all-in bei der Onkologie gegangen. Der Krebsmarkt ist ungleich schwerer zu knacken, aber er ist lukrativer. Krebstherapien sind keine 20-Dollar-Spritzen für den Winter. Es sind hochkomplexe, lebensrettende Interventionen, die zehntausende Euro pro Patient kosten können. Wenn BNT327 in den Phase-3-Studien beim kleinzelligen Lungenkrebs (SCLC) oder Brustkrebs (TNBC) liefert, sprechen wir hier über Blockbuster-Potenzial im Milliardenbereich – pro Jahr.

Zwischen Langeweile und Kapitulation

Warum steigt die Aktie dann nicht? Weil wir uns im „Tal der Tränen“ des Biotech-Zyklus befinden. Die Privatanleger, die 2021 wegen des schnellen Geldes kamen, haben längst frustriert verkauft. Die institutionellen Investoren wiederum wissen: Phase-3-Studien dauern Jahre. Warum sollten sie das Geld jetzt schon in BioNTech parken, wenn die finalen Daten erst Ende 2026 oder 2027 kommen? Sie warten lieber ab.

Diese Apathie des Marktes ist dein Fenster. Wenn die späten klinischen Daten ab 2026 eintrudeln und positiv ausfallen, wird das Smart Money blitzartig zurückkehren. Wenn sie negativ ausfallen, federt der gewaltige Cash-Berg den Absturz ab.

Das echte Risiko

Machen wir uns nichts vor: Wissenschaft ist keine Mathematik. Du kannst Milliarden auf ein Problem werfen, und die Biologie weigert sich trotzdem, zu kooperieren. Wenn BNT327 und die mRNA-Krebstherapien in der späten klinischen Phase keine signifikanten Überlebensvorteile gegenüber dem Standard of Care (der aktuellen Standardtherapie) zeigen, wird das Narrativ des „Onkologie-Giganten“ brutal zusammenbrechen. Dann ist BioNTech plötzlich eine gigantische Bank mit einem sehr teuren, ergebnislosen Hobby.

Aber Ugur Sahin spielt nicht Roulette. Er spielt ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten, diversifiziert über Dutzende von Ansätzen. Die nächsten 24 Monate werden entscheiden, ob BioNTech in die Liga von Roche und Novartis aufsteigt – oder für die nächsten zehn Jahre in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Fazit des Autors

Was spricht wirklich für das Unternehmen?

Ein beispielloses finanzielles Polster von 17,2 Milliarden Euro. Eine extrem breite Pipeline mit über 25 klinischen Studien in der Onkologie. Starke Partner wie Bristol Myers Squibb, die das Risiko teilen und Milliarden vorschießen. Und ein visionäres Management, das bewiesen hat, dass es Wissenschaft extrem schnell in marktreife Produkte übersetzen kann.

Wo liegt das reale Risiko?

Im Scheitern der Wissenschaft. Krebsforschung ist die Königsklasse. Es gibt keine Garantie, dass mRNA, ADCs oder bispezifische Antikörper von BioNTech die strengen Hürden der Phase-3-Studien überleben. Die hohen R&D-Ausgaben von fast 3 Milliarden Euro pro Jahr werden den Cash-Berg stetig abtragen.

Welche Erwartung ist im Kurs bereits eingepreist?

Pessimismus. Die Börse bewertet die gesamte Onkologie-Pipeline, alle Akquisitionen (InstaDeep, CureVac) und die Technologieplattform aktuell mit dem Gegenwert einer mittelgroßen Softwarefirma. Perfektion ist hier definitiv nicht eingepreist. Im Gegenteil: Die Fallhöhe ist durch den hohen Cash-Bestand nach unten hin stark abgefedert, während der Hebel nach oben bei positiven Studiendaten ab 2026 gewaltig ist.

BioNTech ist aktuell kein Witwen-und-Waisen-Papier für ungeduldige Zocker. Es ist eine asymmetrische Wette auf den medizinischen Fortschritt – finanziert durch die vollen Kassen einer vergangenen Pandemie.

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