British American Tobacco

Nikotin, Cash und die Flucht nach vorn
(WKN)

Der goldene Aschenbecher

Stell dir ein herrschaftliches Londoner Büro vor. Dunkles Holz, schwere Ledersessel, der Geruch von Tradition. Draußen auf den Straßen von Westminster wird das Rauchen verbannt, drinnen im Headquarter von British American Tobacco (BAT) zählt man die Ernte eines Geschäftsmodells, das moralisch unter Beschuss steht, finanziell aber immer noch wie ein Schweizer Uhrwerk funktioniert.

An der Börse wird BAT oft behandelt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – ein Dinosaurier, der den Einschlag des Kometen „Gesundheitsbewusstsein“ bereits spürt. Doch wer genau hinsieht, erkennt: Der Dinosaurier lernt gerade das Fliegen. CEO Tadeu Marroco steht auf der Brücke dieses Riesentankers und versucht, ihn zu wenden, bevor die regulatorischen Eisberge zu nah kommen.


Das Geschäftsmodell: Wer verdient hier wie Geld?

BAT ist kein Tabakkonzern mehr. BAT ist ein Nikotin-Logistiker. Ob der Wirkstoff verbrannt, verdampft oder unter die Oberlippe geschoben wird, ist für die Bilanz zweitrangig – entscheidend ist die Bindung des Kunden.

Seit über einem Jahrhundert beherrscht das Unternehmen die Kunst, aus einem schrumpfenden Markt wachsende Gewinne zu pressen. Marken wie Lucky Strike oder Dunhill sind globale Ikonen. Doch das wahre Geld wird heute im Umbau verdient. Während das klassische Glimmstängel-Geschäft („Combustibles“) die Kassen füllt, investiert BAT Milliarden in die „New Categories“. Das Ziel: Bis 2030 soll ein Großteil des Umsatzes rauchfrei sein. Sie verkaufen nicht mehr den Tod, sie verkaufen den Lifestyle-Kick – und das mit einer Effizienz, die fast schon unheimlich ist.


Wo das Geld wirklich hängen bleibt

Werfen wir einen Blick in den Maschinenraum. Der Umsatz von rund 25,6 Milliarden Pfund im letzten Geschäftsjahr mag auf den ersten Blick stagnierend wirken, aber das ist eine optische Täuschung. BAT bereinigt sein Portfolio, trennt sich von margenschwachen Märkten und fokussiert sich auf das, was wirklich Rendite bringt.

Die operative Marge ist kein einfacher Wert, sie ist eine Ansage: Fast 44 % bleiben vom Umsatz als Gewinn hängen. Das ist ein Burggraben, so breit, dass die Konkurrenz nasse Füße bekommt, bevor sie überhaupt in Sichtweite gerät. Während Tech-Startups verbrennen, was sie an Risikokapital bekommen, ist BAT eine Geld-Druckmaschine mit Hochdruck.

Wachstum ist hier kein Selbstzweck. Das Unternehmen hat verstanden: Hype ist laut, Cashflow ist leise. Der Free Cashflow von rund 4 Milliarden Pfund im Jahr 2025 ist die Munition, mit der Schulden getilgt und eigene Aktien vom Markt gefegt werden. Mit einem KGV von etwa 12 ist die Aktie zudem alles andere als heißgelaufen. Der Markt erwartet hier keine Wunder, er erwartet das Ende. Und genau darin liegt die Chance für dich als Anleger: Wenn das Ende ausbleibt, ist die aktuelle Bewertung ein schlechter Witz.


Das Spannungsfeld: Stärke trifft Risiko

Hier wird es spannend. Stell dir ein Tauziehen vor. Auf der einen Seite zieht die schiere Finanzkraft. BAT hat eine Preissetzungsmacht, die fast schon unverschämt ist. Wenn die Steuer steigt, steigt der Preis – und der Raucher zahlt. Die Nikotinbeutel der Marke Velo wachsen wie ein Hefeteig im Backofen, besonders in den USA und Skandinavien. Das ist die bullische Geschichte: Ein Unternehmen, das sich neu erfindet und dabei reicher wird.

Doch auf der anderen Seite des Seils zerrt der Regulator. Die US-Gesundheitsbehörde FDA ist kein einfacher Gegner. Ein Menthol-Verbot in den USA würde das Herzstück der Marke Newport treffen. Das ist kein kleines Risiko, das ist eine potenzielle Operation am offenen Herzen. Und dann sind da noch die Milliardenklagen in Kanada. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan: Die Gewinne sprudeln, solange der Deckel hält.


Was gerade wirklich passiert

In den letzten zwölf Monaten hat Marroco Ernst gemacht. Der Verkauf der Anteile am indischen Giganten ITC war ein strategischer Befreiungsschlag. Milliarden flossen zurück in die Kasse, um die Bilanz zu glätten und Aktienrückkäufe zu finanzieren.

Gleichzeitig tobt in den USA ein verdeckter Krieg gegen illegale Einweg-Vapes aus Fernost. Lange Zeit schaute die FDA zu, wie billige Plagiate den Markt fluteten. Jetzt ziehen sie die Daumenschrauben an. Das ist Rückenwind für BAT: Wenn die graue Zone verschwindet, bleibt nur noch das Original – und das heißt Vuse. Zwischen den Zeilen des letzten Berichts schwingt eine neue Selbstsicherheit mit. Man ist nicht mehr nur der Gejagte, man besetzt das Terrain.


Essay des Autors: Die große Einordnung

Wir müssen über die Psychologie reden. Warum rührt kaum ein großer Fonds diese Aktie an? Es ist das ESG-Diktat. Tabak gilt als „schmutzig“. Das führt dazu, dass BAT zu Preisen gehandelt wird, die man normalerweise bei Unternehmen findet, die kurz vor der Insolvenz stehen. Aber BAT ist nicht insolvent. BAT ist hochprofitabel.

Die Architektur der Abhängigkeit

Die Welt wird nicht nikotinfrei. Sie wird nur rauchfrei. Wir beobachten gerade eine fundamentale Verschiebung der Konsumgewohnheiten. Der moderne Nikotinkonsument will keinen gelben Finger und keinen Gestank mehr. Er will den diskreten Kick im Büro oder im Flugzeug. BAT baut die Infrastruktur für diese neue Welt.

Die Branchenstruktur ist dabei ein massiver Vorteil. Es gibt keine neuen Player. Niemand gründet heute ein Tabakunternehmen in seiner Garage. Der Markt ist verteilt. Es ist ein Oligopol, das sich den Kuchen teilt. Während Tesla sich mit chinesischen E-Auto-Bauern prügelt, sitzt BAT in einer Festung aus Lizenzen, Patenten und globalen Lieferketten.

Das Risiko des Federstrichs

Aber – und hier muss man ehrlich sein – du investierst in ein politisches Zielobjekt. Eine einzelne Unterschrift in Washington oder Brüssel kann Milliarden an Börsenwert vernichten. Die Frage, die du dir stellen musst: Ist die Dividende von über 5 % das Schmerzensgeld wert?

Hand aufs Herz: Würdest du diesem Management dein eigenes Geld anvertrauen? Marroco agiert diszipliniert. Er verbrennt kein Geld für Größenwahn, er optimiert das Bestehende. Das ist langweilig, aber für Aktionäre ist Langeweile oft der beste Freund.

Wir sehen hier eine Bewertungsrealität, die weit unter der operativen Realität liegt. Der Markt preist den langsamen Tod ein, BAT liefert aber ein dynamisches zweites Leben. Wer hier investiert, wettet nicht auf das Rauchen. Er wettet darauf, dass die Menschheit ihre Laster behält – und dass BAT der effizienteste Dealer dieser Laster bleibt.


Fazit des Autors

Was spricht wirklich für das Unternehmen? Die gnadenlose Cash-Generierung und die Fähigkeit, in einem feindlichen Umfeld extrem hohe Margen zu halten. Der Wandel zu rauchfreien Produkten gewinnt an Fahrt und wird zunehmend profitabel.

Wo liegt das reale Risiko? In der Unberechenbarkeit der Politik. Ein hartes Durchgreifen gegen Menthol oder Nikotingrenzwerte könnte das Geschäftsmodell schneller erodieren lassen, als die neuen Kategorien wachsen können.

Welche Erwartung ist im Kurs bereits eingepreist? Der Markt ist extrem skeptisch. Im Kurs steckt viel Pessimismus bezüglich regulatorischer Hürden. Jede Nachricht, die „weniger schlimm als befürchtet“ ausfällt, wirkt daher wie ein Katalysator für den Kurs.


Ein Wort in eigener Sache

Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele.

Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen.

Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen.

An der Börse gibt es keine Garantien.

Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung.

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