Monopol in der übernächsten Dekade?
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Stell dir vor, du stehst vor einem Monitor, der in rotes und grünes Licht getaucht ist. Der Chart, der über den Bildschirm flimmert, sieht nicht aus wie die Kursentwicklung eines Unternehmens. Er sieht aus wie die Flugbahn einer SpaceX-Rakete. Wir schreiben den Februar 2026. Eine Aktie hat in den letzten zwölf Monaten um über 200 Prozent zugelegt. Die Marktkapitalisierung liegt bei schwindelerregenden 7,6 Milliarden US-Dollar.
Du scrollst weiter zu den Fundamentaldaten, reibst dir die Augen und suchst nach dem Kommafehler. Das Unternehmen macht gerade einmal rund 24 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Nicht Gewinn. Umsatz.
Willkommen in der Welt von D-Wave Quantum (QBTS). Einem Ort, an dem die Gesetze der klassischen Physik – und die der klassischen Unternehmensbewertung – scheinbar gleichzeitig außer Kraft gesetzt sind. Wo Anleger nicht für die Gewinne von heute bezahlen, sondern für ein Monopol in der übernächsten Dekade.
Kurz mal durchatmen. Wir werfen heute einen Blick in den Maschinenraum der Zukunft. Und in die Bücher eines Unternehmens, das eine Wette auf den nächsten großen Sprung der Menschheit ist.
Das Geschäftsmodell: Wer verdient hier wie Geld?
D-Wave ist kein Software-Startup, das eine neue App programmiert. D-Wave baut Maschinen, die so kalt sind wie der interstellare Raum, um darin Berechnungen durchzuführen, für die die mächtigsten Supercomputer der Welt Jahrtausende bräuchten.
Aber wie verdient man damit Geld?
D-Wave fährt strategisch zweigleisig:
- Quantum Computing as a Service (QCaaS): Das Unternehmen betreibt eine Cloud-Plattform namens Leap. Kunden (wie BASF, Japan Tobacco oder Regierungen) loggen sich ein und mieten Rechenzeit auf den D-Wave-Rechnern, um hochkomplexe Optimierungsprobleme zu lösen – etwa die perfekte Routenplanung für Tausende von Fahrzeugen oder die Molekülstruktur für neue Medikamente.
- Systemverkäufe & Professional Services: Manchmal reicht die Cloud nicht. Wenn ein Kunde (wie kürzlich eine Forschungseinrichtung in Italien) die Hardware physisch haben will, verkauft D-Wave Kapazitäten oder ganze Systeme und hilft bei der Implementierung.
Der Clou bei D-Wave: Im Gegensatz zu Konkurrenten, die nur an universellen Quantencomputern (Gate-Model) forschen, die vielleicht in zehn Jahren funktionieren, hat D-Wave von Anfang an auf das sogenannte Quantum Annealing gesetzt.
Man muss dafür keine komplexe Quantenmechanik wie die Schrödingergleichung lösen, um das Prinzip zu verstehen: Stell dir vor, du suchst das tiefste Tal in einer riesigen, endlosen Gebirgslandschaft. Ein klassischer Computer läuft jeden Weg einzeln ab. Der Quanten-Annealer von D-Wave flutet das gesamte Gebirge virtuell mit Wasser und schaut, wo es sich sammelt. Er findet die Lösung nicht durch Rechnen, sondern durch physikalische Gesetze. Das funktioniert heute schon. Und das bringt heute schon Umsatz.
Wo das Geld wirklich hängen bleibt
Schauen wir in die Kasse. Und hier wird es wild.
Die jüngsten Zahlen aus dem Q3 2025 lesen sich auf den ersten Blick wie ein Traum. Der Umsatz lag bei 3,7 Millionen Dollar. Das ist ein Anstieg von satten 100 % im Jahresvergleich. Der Umsatz steigt also wie ein Hefeteig im Backofen – und bisher fällt nichts zusammen. Noch beeindruckender: Die Bruttomarge (GAAP) liegt bei 71,4 %, aufs Jahr gesehen sogar bei fast 85 %. Das sind Margen, für die klassische Hardware-Hersteller töten würden. Das ist reines Software-Niveau.
Aber dann kommt die Realität. Und die tut weh.
D-Wave ist eine Geldverbrennungsmaschine mit Hochdruck. Der operative Verlust lag bereinigt bei 18,1 Millionen Dollar für dieses eine Quartal. Der offizielle Nettoverlust lag sogar bei absurden 140 Millionen Dollar (wobei man hier fairerweise sagen muss: 121 Millionen davon waren unbare buchhalterische Effekte durch Optionsscheine).
Hand aufs Herz: Ein Unternehmen, das knapp 4 Millionen im Quartal einnimmt, aber 23 Millionen operativ ausgibt, hat normalerweise ein massives Überlebensproblem.
Doch D-Wave hat einen Trumpf im Ärmel: Die Kasse ist bis zum Rand gefüllt. Satte 836,2 Millionen Dollar lagen Ende September 2025 auf den Konten. Ein Anstieg um 2.700 % zum Vorjahr.
Wie das geht? Durch den Kapitalmarkt. D-Wave hat den massiven Hype um die eigene Aktie genutzt, um durch Kapitalerhöhungen und das Ausüben von Warrants (Optionsscheinen) Hunderte Millionen einzusammeln.
Und die Bewertung? Bei einer Marktkapitalisierung von 7,6 Milliarden Dollar und rund 24 Millionen Jahresumsatz liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) bei über 300.
Ein hohes KGV heißt: Der Markt erwartet Perfektion. Ein KUV von 300 heißt: Der Markt erwartet ein Wunder.
Das Spannungsfeld – Stärke trifft Risiko
Wenn du diese Aktie analysierst, ringen zwei Stimmen in deinem Kopf miteinander.
Der Bulle sagt: D-Wave ist der einzige Player, der beide Quanten-Ansätze (Annealing und Gate-Model) baut. Sie haben über 100 zahlende Kunden, darunter Dutzende Forbes-Global-2000-Unternehmen. Die Technik funktioniert, die Margen sind grandios, und mit über 800 Millionen Dollar an Cash haben sie den längsten Atem der ganzen Branche. Während andere Start-ups verhungern, kann D-Wave munter Firmen aufkaufen und in Ruhe weiterforschen.
Der Bär antwortet: Hast du dir die Verwässerung angesehen? Das Management hat die Aktionäre massiv verwässert, um an dieses Cash zu kommen. Die Aktienanzahl ist explodiert. Und diese Bewertung! Ein KUV von über 300 bedeutet, dass das Unternehmen über die nächsten zehn Jahre jedes Jahr um 50 bis 100 % wachsen muss, nur um in seine aktuelle Bewertung hineinzuwachsen. Wenn hier auch nur ein Quartal das Wachstum stottert, fällt der Kurs wie ein Stein.
Was gerade wirklich passiert
Die letzten Monate waren bei D-Wave ein strategisches Feuerwerk.
Im Januar 2026 hat D-Wave Quantum Circuits übernommen. Das war ein genialer Schachzug, der von der Wall Street gefeiert wurde (TD Cowen hat die Aktie prompt auf „Buy“ gesetzt). D-Wave war immer der König des Annealings, aber die Konkurrenz (wie IBM oder Google) setzt auf universelle Quantencomputer (Gate-Model). Durch die Übernahme katapultiert sich D-Wave auch in diesem Bereich massiv nach vorn und beschleunigt die Entwicklung von hochpräzisen supraleitenden Qubits.
Zudem trommelt CEO Dr. Alan Baratz lautstark. Auf der Qubits 2025 und Qubits 2026 Konferenz wurde er nicht müde, sein Mantra zu wiederholen: „Quantum isn’t decades away. It’s here today.“
Die Pipeline füllt sich: Eine 10-Millionen-Euro-Buchung aus Italien, ein 20-Millionen-Dollar-Deal mit der Florida Atlantic University, ein Fortune-100-Vertrag über 10 Millionen Dollar im Januar 2026. Das sind nicht mehr nur Proof-of-Concepts. Das sind echte, harte Enterprise-Verträge.
Essay des Autors: Die große Einordnung
Lass uns einen Schritt zurücktreten. Wenn wir verstehen wollen, warum Investoren bereit sind, für ein Unternehmen mit den Umsätzen einer gut laufenden mittelständischen Spedition eine Bewertung von über 7 Milliarden Dollar auf den Tisch zu legen, müssen wir über Epochen sprechen. Nicht über Quartale.
Wir befinden uns in der Ära des großen Rechenhungers. Der Boom der Künstlichen Intelligenz in den letzten Jahren hat uns eine brutale Wahrheit vor Augen geführt: Klassische Computerarchitekturen stoßen an ihre physikalischen und energetischen Grenzen. Rechenzentren verbrauchen mittlerweile den Strom ganzer Kleinstaaten. Die Miniaturisierung von Transistoren nähert sich der Größe von Atomen. Wir können klassische Chips nicht mehr ewig schneller und kleiner machen.
Hier betritt das Quantencomputing die Bühne. Es ist nicht einfach der nächste Schritt nach dem klassischen Computer. Es ist ein vollkommen neues Paradigma. Ein Quantencomputer nutzt die bizarren Eigenschaften der Quantenmechanik – Superposition und Verschränkung –, um Zustände gleichzeitig anzunehmen. Wo ein klassischer Bit nur 0 oder 1 sein kann, ist ein Qubit beides gleichzeitig. Das führt dazu, dass die Rechenleistung bei bestimmten Problemen exponentiell wächst ($2^n$ Zustände bei $n$ Qubits). Für die Lösung komplexer Optimierungsprobleme ist das der heilige Gral.
Die Branchenstruktur und der Überlebenskampf
Die Quanten-Branche ist ein Tummelplatz der Titanen. Google, Microsoft, IBM – sie alle versenken Milliarden in Forschungslaboren. Daneben gibt es die „Pure-Plays“, die reinen Quanten-Unternehmen wie IonQ, Rigetti und eben D-Wave. Lange Zeit galt in der Branche das Dogma: Wer zuerst einen fehlerkorrigierten, universellen Quantencomputer (Gate-Model) baut, der gewinnt alles. D-Wave wurde von der akademischen Welt oft belächelt, weil sie auf „Annealing“ setzten – eine Technologie, die zwar heute schon Optimierungsprobleme löst, aber eben nicht universell programmierbar ist.
Doch CEO Alan Baratz hat das Narrativ radikal gedreht. Während die Konkurrenz den Investoren erklärte, man müsse noch zehn Jahre auf erste Umsätze warten, ging D-Wave zu Logistikkonzernen und sagte: „Wir können eure LKW-Routen heute schon 15 Prozent effizienter machen. Hier ist die Rechnung.“ Dieser Pragmatismus hat D-Wave in die Pole-Position der realen kommerziellen Adaption gebracht.
Meisterklasse der Kapitalallokation
Und genau hier wird es spannend. Hardware ist unfassbar kapitalintensiv. Wer Quantencomputer bauen will, braucht nicht nur brillante Physiker, sondern auch Kühlanlagen, Golddrähte, Vakuumkammern und Fabriken. Viele vielversprechende Start-ups sind in den letzten Jahren in die Insolvenz gerutscht, weil ihnen schlicht das Geld ausging.
Das Management von D-Wave hat im Jahr 2025 etwas gemacht, was vielen Privatanlegern sauer aufstieß, aber strategisch brillant war: Sie haben den massiven Anstieg des Aktienkurses genutzt, um den Markt mit neuen Aktien und Optionsscheinen (Warrants) zu fluten. Sie haben die eigenen Aktionäre knallhart verwässert.
Das Ergebnis? Über 830 Millionen Dollar auf dem Bankkonto und kaum Schulden. In einer Branche, in der das Überleben davon abhängt, wer die nächste Evolutionsstufe der Hardware finanzieren kann, hat sich D-Wave quasi unsterblich gemacht. Sie haben sich mit dem Geld der Anleger einen Burggraben aus reinem Kapital geschaufelt. Der Zukauf von Quantum Circuits im Januar 2026 war die direkte Konsequenz dieser Macht demonstrierenden Kriegskasse. D-Wave kauft sich jetzt einfach die Technologie für universelle Quantencomputer dazu.
Die Bewertungsrealität
Aber wir müssen über den Preis sprechen. Die Börse ist ein Diskontierungsmechanismus der Zukunft. Bei einem Kurs von rund 20 Dollar und einer Bewertung von 7,6 Milliarden Dollar preist der Markt bereits ein, dass D-Wave das bestimmende Unternehmen einer neuen technologischen Ära wird.
Ein KUV von über 300 ist mathematischer Wahnsinn, wenn man klassische Maßstäbe anlegt. Es erinnert frappierend an die Dotcom-Blase oder an die wildesten Phasen des frühen Nvidia-Hypes. Wer heute D-Wave kauft, kauft keine Fundamentaldaten. Er kauft eine Call-Option auf die technologische Dominanz der 2030er Jahre.
Die Psychologie der Anleger ist hier simpel: Wenn Quantencomputing so groß wird wie KI, dann spielt es keine Rolle, ob man heute das 300-fache des Umsatzes zahlt. Wenn D-Wave in zehn Jahren Milliardenumsätze macht, war die Aktie heute ein Schnäppchen. Wenn sich die Technologie jedoch als Nische erweist oder ein Konkurrent den Durchbruch zuerst erzielt, ist die Fallhöhe gigantisch. Es gibt hier keinen Boden. Ein Unternehmen, das Millionen verbrennt, hat bei einem KUV von 300 keinen fundamentalen Rettungsschirm, wenn die Stimmung dreht.
Wachstum ist schön. Aber Wachstum um jeden Preis ist teuer. D-Wave muss in den nächsten Jahren beweisen, dass aus den 10-Millionen-Dollar-Deals echte, wiederkehrende 100-Millionen-Dollar-Umsätze werden. Die Pipeline ist stark, das Geld ist da, die Technik funktioniert. Jetzt muss geliefert werden.
Fazit des Autors
Was spricht wirklich für das Unternehmen?
D-Wave hat etwas, das in der Quantenwelt extrem selten ist: Traktion. Sie haben echte Hardware, sie haben namhafte Kunden, die nachweislich Effizienzgewinne erzielen, und sie fahren eine smarte Doppelstrategie (Annealing für das Hier und Jetzt, Gate-Model für die Zukunft). Die prall gefüllte Kasse von über 800 Millionen Dollar macht das Unternehmen nahezu immun gegen kurzfristige Finanzierungsengpässe und ermöglicht aggressive Zukäufe wie Quantum Circuits.
Wo liegt das reale Risiko?
Die Verwässerung der Aktionäre ist ein zweischneidiges Schwert. Ja, das Geld ist da, aber der Gewinn pro Aktie (sollte er jemals kommen) muss durch viel mehr Hände geteilt werden. Das größte Risiko bleibt jedoch die rasante technologische Entwicklung der Konkurrenz. Ein Durchbruch von IBM oder Google bei der Fehlerkorrektur könnte das Annealing-Modell von D-Wave langfristig in eine Nische drängen.
Welche Erwartung ist im Kurs bereits eingepreist?
Die Perfektion. Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis im dreistelligen Bereich verzeiht absolut keine Fehler. Jeder noch so kleine Fehltritt bei Quartalszahlen oder technischen Meilensteinen kann zu einem massiven Absturz führen. Die Anleger gehen davon aus, dass D-Wave zu den wenigen großen Überlebenden – wenn nicht gar zum Marktführer – der Quantenrevolution gehören wird.
Ein Wort in eigener Sache
Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele.
Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen.
Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen.
An der Börse gibt es keine Garantien.
Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung.