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Warum der Sargnagel der Software in Wahrheit ihr Turbolader ist
Ein kalter Januarmorgen im Jahr 2026. Stell dir einen erfahrenen Anleger vor, der mit der ersten Tasse Kaffee vor seinem Depot sitzt. Der Bildschirm leuchtet tiefrot. Nicht das normale, alltägliche Rot einer kleinen Marktkorrektur. Es ist das grelle Rot einer echten, unrasierten Panik. Innerhalb von nur sechs Handelstagen rauscht der S&P 500 Software Index um fast 17 Prozent in die Tiefe. Milliarden an Börsenwert verdampfen im Minutentakt.
Der Grund? Ein kalifornisches KI-Unternehmen namens Anthropic hat „Claude Cowork“ vorgestellt – einen autonomen KI-Agenten, der scheinbar ganz alleine Verträge prüfen, Daten analysieren und den Computer bedienen kann.
Die Schlagzeile in den Finanzforen ist sofort geschrieben: Das ist der Sargnagel der Softwareindustrie. Warum noch Milliarden für starre Software-Lizenzen bezahlen, wenn eine KI-Raupe sich völlig autark durch die Systeme frisst und die Arbeit gratis erledigt?
Kurz mal durchatmen – genau hier wird es spannend. Denn wer in dieser Phase aus Panik seine Microsoft-, SAP- oder Nemetschek-Aktien unlimitiert auf den Markt geworfen hat, hat eine der wichtigsten Grundregeln der Börse vergessen: Erst verstehen, was unter der Haube passiert. Dann handeln. Lass uns gemeinsam den Motorblock dieser Industrie aufschrauben.
Wer verdient hier eigentlich wie sein Geld?
Um den aktuellen KI-Sturm zu verstehen, müssen wir das Fundament begreifen. Was machen Unternehmen wie SAP, Nemetschek oder ATOSS Software eigentlich den ganzen Tag? Ganz einfach: Sie stellen das digitale Nervensystem der globalen Wirtschaft.
SAP orchestriert die weltweiten Waren- und Finanzströme. Wenn ein Paar Turnschuhe in Asien genäht und in Europa verkauft wird, rechnet das SAP-System im Hintergrund mit. ATOSS Software aus München macht etwas Ähnliches für Menschen: Sie berechnen Schichtpläne, Arbeitszeiten und Tarifvorgaben für Millionen von Angestellten – von der Krankenschwester bis zum Schichtleiter im Einzelhandel. Und die Nemetschek Group? Die liefert die digitalen Reißbretter und Berechnungsmodelle, mit denen Architekten und Ingenieure Brücken und Wolkenkratzer bauen, die am Ende nicht einstürzen.
Wie verdienen sie Geld? Historisch durch den Verkauf von Lizenzen. Heute durch Abonnements aus der Cloud. Das sogenannte „Software-as-a-Service“ (SaaS) Modell. Der Kunde zahlt eine monatliche Miete pro Nutzer. Ein extrem berechenbares, hochprofitables Geschäft mit enormen Wechselhürden. Wer einmal sein komplettes Firmenwissen in ein SAP- oder ATOSS-System gepumpt hat, wechselt nicht mal eben am Wochenende den Anbieter. Es ist ein Burggraben, der so tief ist, dass man den Grund nicht sehen kann.
Wo das Geld wirklich hängen bleibt
Vergiss für einen Moment die Weltuntergangs-Szenarien der Wall Street und lass uns auf die nackten, testierten Bilanzen des Jahres 2025 schauen, die genau in diesen Panik-Wochen im Frühjahr 2026 veröffentlicht wurden.
Der Walldorfer Wolkenkratzer: SAP
SAP hat 2025 nicht einfach nur überlebt, sie haben geliefert. Der Umsatz kletterte währungsbereinigt um 11 Prozent auf über 33,4 Milliarden Euro. Das viel wichtigere Cloud-Geschäft wuchs sogar um 26 Prozent. Und jetzt kommt die Zahl, die du dir auf der Zunge zergehen lassen musst: Der operative Gewinn (Non-IFRS) sprang um massive 31 Prozent nach oben auf 10,6 Milliarden Euro.
Noch beeindruckender ist der Blick in die Zukunft. Der Cloud-Auftragsbestand – also das Geld, das per Vertrag ohnehin schon sicher in die Kassen fließen wird – liegt bei gigantischen 88 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 30 Prozent. Der Grund dafür? CEO Christian Klein hat die KI-Funktionen („Joule“) so tief in die Software integriert, dass bei 90 Prozent der großen Vertragsabschlüsse im vierten Quartal KI direkt mitgebucht wurde. Die Kunden fliehen nicht vor SAP wegen der KI. Sie kaufen mehr SAP wegen der KI.
Die Münchner Meisterbauer: Nemetschek
Auch die Nemetschek Group liefert Zahlen, die so gar nicht nach Apokalypse aussehen. 2025 durchbrach das Unternehmen erstmals in seiner Geschichte die magische Umsatzgrenze von einer Milliarde Euro und landete bei 1,19 Milliarden Euro – ein währungsbereinigtes Wachstum von fast 23 Prozent. Das operative Ergebnis (EBITDA) wuchs mit knapp 29 Prozent noch schneller als der Umsatz, was die Marge auf über 31 Prozent hievte. Das Bauwesen gilt als digitaler Dinosaurier, aber Nemetschek treibt genau hier die Transformation mit einer neuen, durchgängigen „AI-Layer“ voran.
Der Uhrwerk-Profiteur: ATOSS Software
Werfen wir noch einen Blick auf ATOSS. Die Münchner haben 2025 einfach mal ihr 20. Rekordjahr in Folge eingefahren. Zwanzig Jahre. Der Umsatz stieg um 11 Prozent auf über 189 Millionen Euro. Die Marge beim operativen Ergebnis (EBIT) schlug mit 36 Prozent alle internen Prognosen.
Und falls du noch zweifelst, was das Management selbst von der „KI-Bedrohung“ hält: Im Februar 2026 griff der Gründer und CEO von ATOSS, Andreas Obereder, tief in die eigene Tasche und kaufte privat Aktien seines eigenen Unternehmens für schlappe 11,5 Millionen Euro.
Das Spannungsfeld: Stärke trifft Risiko
Hand aufs Herz: Gibt es kein Risiko? Doch, natürlich. An der Börse wird die Zukunft gehandelt, und die Zukunft ist volatil.
Das Bärenargument lautet: Der traditionelle „Sitzplatz“ ist tot. Wenn ein KI-Agent die Arbeit von zehn Buchhaltern oder drei Architekten erledigt, fallen bei SAP, ATOSS und Nemetschek massiv Nutzerlizenzen weg. Startups programmieren mit generativer KI heute Software-Lösungen an einem Wochenende, für die man früher Jahre brauchte. Die Markteintrittsbarrieren für neue Konkurrenten sinken dramatisch.
Das Bullenargument kontert: KI ohne Kontext ist dumm. Ein hochintelligenter KI-Agent kann nur dann perfekte Schichtpläne schreiben oder komplexe Lieferketten optimieren, wenn er Zugriff auf die historischen, sauberen und strukturieren Unternehmensdaten hat. Und wo liegen diese Daten? Im Tresor von SAP, ATOSS und Nemetschek. Diese Konzerne sitzen auf dem „Gold“ des 21. Jahrhunderts. Die KI ist nur der Bagger, der das Gold fördert. Wer die Mine besitzt, gewinnt immer.
Was gerade wirklich passiert
Um nicht von abspringenden Einzelnutzern abhängig zu sein, stellen die großen Softwarehäuser ihr Geschäftsmodell gerade radikal um. Weg vom starren „Pay-per-Seat“ (Zahlen pro Nutzer), hin zu „Pay-per-Value“ (Zahlen für den geschaffenen Wert).
Schauen wir uns SAP an. Deren KI-Assistent „Joule“ kommt in zwei Ausführungen. Die Basisversion ist im Abo enthalten, um die Leute an das System zu binden. Aber wenn ein Unternehmen die wirklich harten, komplexen KI-Agenten nutzen will – etwa um automatisiert Bilanzen zu analysieren oder Lieferketten-Probleme in Echtzeit zu lösen –, dann kostet das extra. SAP rechnet diese Premium-Dienste in sogenannten „AI Units“ (KI-Einheiten) ab. Heißt: Selbst wenn der Kunde weniger menschliche Mitarbeiter vor dem Bildschirm sitzen hat, zahlt er für die immense Rechenleistung und den enormen Mehrwert der KI-Agenten.
Hinzu kommt der Gesetzgeber. Im August 2026 greifen die scharfen Vorgaben des „EU AI Acts“ in Europa. Unternehmen müssen lückenlos nachweisen, wie ihre KI-Systeme zu Entscheidungen kommen. Kein Vorstand eines DAX-Konzerns wird eine wilde, unkontrollierte KI-Software aus einem kalifornischen Startup auf seine sensiblen Finanzdaten loslassen, wenn er dafür persönlich in die Haftung genommen werden kann. Man vertraut den etablierten Playern, deren Systeme zertifiziert, sicher und auditiert sind. Regulatorik ist der beste Burggraben für etablierte Platzhirsche.
Essay: Die Anatomie einer Panik
Von abstrakten Algorithmen, blinder Panik und der realen Schwerkraft der Daten.
Lass uns einen Schritt zurücktreten und das große Ganze betrachten. Was wir in den ersten Wochen des Jahres 2026 an den Märkten erlebt haben, war kein rationales Einpreisen neuer technologischer Fakten. Es war ein Paradebeispiel für massenpsychologische Hysterie.
Erinnerst du dich an den Indikator für die „Relative Stärke“ (RSI)? Er misst, ob ein Markt überkauft oder überverkauft ist. Ein Wert unter 30 gilt als klares Signal für Panik und Unterbewertung. Der RSI für den S&P 500 Software Index krachte im Februar 2026 auf unglaubliche 18 Punkte. Das ist ein Niveau, das wir seit 1990 nicht mehr gesehen haben. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der nordamerikanischen Softwarebranche stürzte zeitweise unter 20 ab, weit unter den historischen Durchschnitt von 34. Der Markt benahm sich, als würde die gesamte Softwareindustrie morgen Früh kollektiv Insolvenz anmelden.
Der Denkfehler der Disruption
Warum reagiert der Markt so extrem? Weil die Erzählung so verdammt gut und plausibel klingt. Eine KI wie Claude Cowork oder o3 kann fehlerfrei programmieren. Sie kann Excel-Tabellen lesen. Sie kann E-Mails schreiben. Die logische – aber falsche – Schlussfolgerung des Marktes lautet: Also brauchen wir die klassische Softwareoberfläche nicht mehr.
Das ist in etwa so, als würde man sagen: „Wir haben jetzt fantastische, hochintelligente Lenkräder erfunden. Also brauchen wir keine Autos, keine Straßen und keine Motoren mehr.“
Der fundamentale Irrtum der „SaaS-Apokalypse“ liegt in der völligen Fehleinschätzung dessen, was Enterprise-Software eigentlich ist. Die bunte Benutzeroberfläche auf dem Bildschirm ist nur die Spitze des Eisbergs. Die wahren 90 Prozent der Softwaremasse, die unter der Wasseroberfläche liegen, bestehen aus etwas, das in der IT-Welt „Data Gravity“ (Datengravitation) genannt wird.
Systeme wie SAP, ATOSS oder Nemetschek sind nicht deshalb so wertvoll, weil sie hübsche Buttons haben. Sie sind wertvoll, weil sie das unantastbare System of Record sind. Die einzige, absolute Quelle der Wahrheit für ein Unternehmen. Wenn eine KI berechnen soll, ob in der Niederlassung in Stuttgart am 24. Dezember fünf oder fünfzehn Mitarbeiter an der Kasse stehen müssen, muss sie wissen: Wer hat Urlaub? Wer ist krank? Was sagt der Tarifvertrag zur Sonntagszulage? Wie war das Wetter in den letzten fünf Jahren an diesem Tag?.
Diese hochkomplexen, in jahrzehntelanger Arbeit strukturierten und validierten Daten liegen exklusiv im System des Software-Anbieters. Ein externer KI-Agent schwebt völlig hilflos im luftleeren Raum, wenn er diese Daten nicht hat.
Die Angst vor der Blackbox
Und dann gibt es da noch ein kleines, aber feines Problem, über das die KI-Evangelisten im Silicon Valley ungern sprechen: Halluzinationen und Datensicherheit.
Wir leben im Jahr 2026. Das Thema Cyber-Versicherungen ist für Vorstände inzwischen ein Albtraum. Versicherer verlangen lückenlose Nachweise über IT-Sicherheit. Gleichzeitig greifen die harten Bandagen des EU AI Acts. Wenn ein Unternehmen einen „freien“ KI-Agenten auf seine unstrukturierten Firmendaten loslässt und dieser Agent versehentlich die streng geheimen Übernahmepläne aus einer internen Mail zieht und sie für sein eigenes Modell-Training nutzt (das sogenannte „Prompt Leakage“), dann rollen Köpfe. Schlimmer noch: Wenn die KI bei der statischen Berechnung einer Brücke im Nemetschek-System „halluziniert“ und die Brücke später Risse bekommt, wer haftet dann?
Genau deshalb kauft die Industrie aktuell wie verrückt Premium-KI bei den etablierten Software-Konzernen. Sie wollen KI, ja. Aber sie wollen sie sicher, eingezäunt, zertifiziert und auditiert. SAP liefert genau das. Nemetschek liefert genau das. ATOSS liefert genau das. Sie integrieren die Künstliche Intelligenz als eine Schicht über ihren sicheren, regelbasierten Datenbanken.
Das Comeback der Vernunft
Dass der Markt im Januar komplett übertrieben hat, haben die Profis schnell erkannt. Wer genau hingesehen hat, sah, wie die Analysten von JPMorgan und Morgan Stanley schon Anfang Februar die rote Flagge hissten. Sie nannten den Ausverkauf „stimmungsgetrieben“ und nicht fundamental belegt. Sie rieten den institutionellen Anlegern, genau jetzt bei den stark verprügelten, hochqualitativen Software-Aktien antizyklisch zuzugreifen.
Werfen wir den Blick noch kurz auf Adobe. Auch Adobe ist so ein Kandidat, dem man wegen KI immer mal wieder den Untergang prophezeit hat. Jeder kann jetzt per Knopfdruck Bilder generieren. Wer braucht da noch Photoshop? Nun, die Bilanz für 2025 zeigte einen Rekordumsatz von fast 23,8 Milliarden Dollar. Warum? Weil KI-generierter Traffic den Unternehmen messbar höhere Konversionsraten bringt. Adobe integriert KI einfach in seine eigenen PDF-Reader und Kreativwerkzeuge und monetarisiert sie direkt am Endkunden.
Die KI wird die Softwarebranche nicht beerdigen. Sie zwingt sie lediglich dazu, sich zu häuten. Die Art, wie wir Lizenzen bezahlen, wird sich ändern. Wir werden für Leistung, für „KI-Einheiten“ und vollzogene Transaktionen zahlen, statt nur für das Recht, uns einzuloggen. Aber die Architektur der globalen Wirtschaft wird weiterhin von den Software-Dinosauriern gestellt. Nur dass diese Dinosaurier jetzt mit Jetpacks ausgestattet sind.
Fazit des Autors
Kommen wir auf den Punkt und beantworten die entscheidenden Fragen.
Was spricht wirklich für etablierte Softwareunternehmen?
Der Burggraben der Daten („Data Gravity“) und die regulatorische Absicherung. Ohne die strukturierten Unternehmensdaten von SAP, das Prozesswissen von ATOSS oder die komplexen Bau-Metriken von Nemetschek sind auch die besten KI-Agenten blind und nutzlos. Enterprise-Kunden werden KI nur in einem sicheren, auditierten Umfeld skalieren.
Wo liegt das reale Risiko?
Die Transition der Preismodelle. Die Unternehmen müssen beweisen, dass sie wegfallende Standard-Nutzerlizenzen („Seats“) schnell und geräuschlos durch die neuen, volumenbasierten KI-Preismodelle (wie die „AI Units“ von SAP) ersetzen können. Wer hier in der Umsetzung patzt, wird Margen einbüßen.
Welche Erwartung ist im Kurs bereits eingepreist?
Die Märkte haben im Januar 2026 eine ausgewachsene „Software-Apokalypse“ eingepreist, die in dieser extremen Form fundamental unbegründet ist. Die exzellenten Bilanzen für 2025 zeigen das genaue Gegenteil. Die massive Panik hat das Chance-Risiko-Verhältnis für Qualitätsaktien im Software-Sektor aktuell wieder deutlich zugunsten antizyklischer Chancen verschoben.
Ein Wort in eigener Sache
Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele. Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern meine persönliche Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Fast immer schreibe ich über Aktien, in die ich selbst investiert bin – sei es direkt oder indirekt über einen ETF. Da ich jedoch aktiv an den Märkten handle, können sich meine Positionen jederzeit ändern. Wichtig: Wenn du investierst, trägst du allein das Risiko und die Verantwortung. An der Börse gibt es keine Garantien.