Essen muss man verstehen…
Essen ist keine Stadt für Anfänger. Keine, die dich am Bahnhof anlächelt und sagt: „Willkommen, hier ist alles hübsch.“ Essen ist eher so: Du steigst aus – und merkst erst später, nach und nach, was du da eigentlich vor dir hast. Eine Stadt wie ein altes Schulheft, immer wieder überschrieben. Ein echtes Palimpsest: Unter der neuen Schrift schimmert die alte durch. Und bei uns ist die alte Schrift schwarz. Kohleschwarz.
Denn Essen hat nicht einfach „Industriegeschichte“. Essen ist Industriegeschichte. Über anderthalb Jahrhunderte war das hier die Werkbank des Landes: Kohlenkammer, Stahlofen, Chemielabor, Energie-Schaltzentrale. Eine Stadt, die im Takt der Fördertürme geatmet hat. Und deren Himmel früher nicht blau war, sondern… sagen wir mal: arbeitsam. Wo Ruß den Schnee schwarz gefärbt hat, wachsen heute Parks. Und genau das ist das Faszinierende: Essen ist nicht fertig. Essen ist im Umbau. Dauerumbau. Mit Schmerzen, mit Stolz, mit Narben – und mit erstaunlich viel Zukunft im Gepäck.
Und wenn man Essen verstehen will, muss man vier Namen kennen. Vier Brocken, vier Machtzentren, vier Thermostate für das Lebensgefühl der Stadt:
ThyssenKrupp. RWE. E.ON. Evonik.
Die „Big Four“ sind hier nicht nur Arbeitgeber. Sie sind Stadtarchitekten, Kulturmäzene, Identitätsstifter. Wenn einer dieser Konzerne niest, holt der Essener Norden das Taschentuch. Wenn ThyssenKrupp wackelt, wackelt das Ruhrgebiet innerlich gleich mit. Wenn RWE seine Strategie dreht, merkst du’s nicht nur in der Bilanz – du merkst es im Straßenbild. Und wenn Evonik die Dividende kürzt, kriegt sogar die Ewigkeitslast plötzlich ein Gesicht.
Das hier ist also keine Aktienkurs-Kolumne. Das ist eher eine Beziehungsanalyse: Stadt und Konzern – toxisch, symbiotisch, unauflösbar. Gestern, heute, morgen. Und ja: Auch ein bisschen Drama. In Stahl, in Stein, in Bilanzen und Biografien.
ThyssenKrupp: Der gefallene Riese – und das Ringen um die Seele der Stadt
Kein Name klebt so sehr an Essen wie Krupp. Das war nicht nur Firma. Das war ein System. Eine Lebenswelt. Von der Wiege bis zur Bahre – und dazwischen bitte keine Widerworte. Wer „Kruppianer“ war, lebte in Krupp-Siedlungen, kaufte im Krupp-Konsum, bekam Versorgung, Sicherheit, Struktur. Paternalismus mit goldenem Käfig: warm, aber eng.
Und dann ist da natürlich dieses Symbol, das bis heute über dem Baldeneysee thront, als würde es sagen: „Ich war schon relevant, da wart ihr noch nicht mal eine Idee“: Villa Hügel. 269 Räume. 8.100 Quadratmeter. Kein Wohnhaus – eher ein Statement. Hier hat man nicht gewohnt, hier hat man regiert.
Dass die Villa heute öffentlich ist, Archiv, Stiftung, Kulturort – das ist mehr als Tourismus. Das ist ein Bruch in Stein: Das Private wird öffentlich. Das Imperium wird Erinnerung. Das ist Essen in einer Szene.
Vom „Verbotenen Stadt“-Feeling zum Glas-Campus mit Öko-Bonus
Dann kam 1999 die Fusion zu ThyssenKrupp. Und 2010 das neue Quartier: früher monolithisch, abgeriegelt, „Betreten verboten“. Heute: Glas, Transparenz, große Fenster, „wir sind total dialogbereit“-Architektur.
Das ehemalige Kernland der Krupp-Macht wurde zum Campus – inklusive Geothermie, Regenwassermanagement, Edelstahllamellen-Sonnenschutz und einem Park, der sich anfühlt wie der Versuch, Geschichte zu begrünen.
Und 2023 dann die Umbenennung zu ruhr tech kampus essen – auch das ist ein Signal: Der Konzern muss sparen, Flächen öffnen, Mieter reinholen. Aus dem Imperium wird ein Standort. Aus der Festung wird Co-Working mit Vergangenheit.
Stahlkrise, Jindal-Deal und diese leise Angst im Bauch
Und jetzt wird’s ernst. Stahl ist nicht mehr Stolz, Stahl ist Sorgenkind. Überkapazitäten weltweit, billige Importe, Energiepreise, CO₂ – das volle Brett. Die Diskussion um Verselbstständigung, Partner, Deals: Das ist für Essen nicht abstrakt. Das ist Existenzgefühl.
Der potenzielle Einstieg von Jindal (nachdem Kretinsky 2025 raus war) ist historisch. Zum ersten Mal könnte ein Stück deutscher Stahl-DNA komplett außer-europäisch kontrolliert werden. Und egal, wie man es dreht: Die Leute hören dann nicht „Strategie“. Die hören „Arbeitsplätze“. Und „Abbau“. Und „Ausverkauf“.
Diese angekündigte Reduktion der Kapazitäten und der Abbau/Auslagerung tausender Stellen bis 2030 – das ist kein Excel-Sheet. Das ist Ruhrgebiet.
Grüner Stahl: tkH2Steel als Hoffnungsscheinwerfer
Und trotzdem: Da ist dieses Projekt tkH2Steel. Wasserstoff statt Koks. Direktreduktion statt Hochofen-Romantik. Duisburg als Zukunftslabor.
Das ist die große Hoffnung: Wenn Stahl grün wird, bleibt er vielleicht hier. Wenn Energie bezahlbar wird, bleibt die Industrie vielleicht am Leben. Die Schicksalsfrage lautet: Hat ThyssenKrupp die Kraft, das selbst zu schaffen – oder nur noch unter fremdem Dach?
Evonik: Das weiße Erbe des schwarzen Goldes
Wenn ThyssenKrupp das Stahlherz ist, dann ist Evonik die destillierte Version der Kohle: nicht mehr Schaufel und Staub, sondern Labor, Spezialchemie, „Smart Materials“.
Evonik kommt aus der RAG-Welt. Und die RAG war im Kern ein politisches Meisterstück: Zechen sterben lassen, aber sozialverträglich. Nur: Das kostet ewig. Und genau da kommt das Wort ins Spiel, das nur im Ruhrgebiet so schwer klingt wie ein Urteil: Ewigkeitslasten.
Damit das Ruhrgebiet nicht absäuft, müssen Pumpen laufen, Grubenwasser gemanagt werden – theoretisch für immer. Also brauchte man Geldquellen. Der „weiße Bereich“ sollte den „schwarzen Bereich“ finanzieren. Die Übernahme von Degussa war der Dreh. 2007 wurde aus RAG dann Evonik: ein Kunstwort, das bewusst nicht nach Maloche klingt, sondern nach „Evolution + Technik“.
Und dann dieser genial-deutsche Kniff: RAG-Stiftung als Hauptaktionär, Dividenden als Pumpen-Treffer. Ein Generationenvertrag in Finanzform.
Heißt aber auch: Wenn Evonik schwächelt, schwächelt das Konstrukt. Und wenn die Dividende sinkt, ist das nicht nur ein Ärgernis für Anleger – das ist politisch. Essen spürt das tiefer als andere Städte.
Architektonisch hat Evonik ebenfalls die Botschaft gewechselt: Weg von Bunkermentalität, hin zu Glas, Licht, Sichtachsen. Früher Kohlen-Syndikat-Kartellmacht – heute Campus, teils sogar mit externen Mietern. Auch hier: Öffnung, Effizienz, neue Realität.
RWE & E.ON: Der große Tausch – und Essen als Energie-Schreibtisch Europas
Früher Rivalen. RWE: Kohle, Kernkraft, Kommunalfilz. E.ON: der internationalere Player. Und dann kam die Energiewende und hat beide gezwungen, die Landkarte neu zu zeichnen.
Der Asset-Swap 2018/2019 war ein Monster-Deal:
- E.ON wurde Netz- und Endkundenspezialist – das Nervensystem der Energiewende.
- RWE wurde zum Erzeuger – Wind, Solar, dazu Übergangstechnologien.
Und für Essen war der eigentliche Coup: E.ON zog 2016 nach Essen. Ein Punkt für die Stadt im ewigen Nachbarschaftsduell mit Düsseldorf. Zwei Energiezentralen in einer Stadt – das ist nicht Folklore, das ist Standortmacht. „Energiehauptstadt Europas“ klingt nach PR, ist aber nicht völlig aus der Luft gegriffen, wenn hier Entscheidungen fallen, die Netze, Windparks, Wasserstoff und Milliardeninvestitionen betreffen.
RWE wiederum hat mit seinem Campus im Essener Norden ein Statement gesetzt: nicht Bredeney-Glanz, sondern Nordstadt-Realität. Backstein trifft Glas. Zechengelände trifft Zukunft. Ein Versuch, den Norden nicht abzuhängen – und gleichzeitig zu zeigen: „Wir meinen den Wandel ernst.“
RWE ist dabei die spannendste Wette: vom Braunkohle-Baron zum grünen Riesen – während die Welt gleichzeitig Versorgungssicherheit schreit. Investitionspläne werden gekürzt, aber die Richtung bleibt: Erneuerbare, Offshore, Wasserstoff. Ein Spagat auf Hochseilniveau.
Essen selbst: Reallabor mit Narben und Tempo
Essen hat irgendwann begriffen: Du kannst nicht nur zuschauen, wie Konzerne dich definieren. Du musst selbst erzählen, wer du sein willst. „Grüne Hauptstadt Europas 2017“ war so ein Moment: PR-Coup, ja. Aber auch ein Signal: Aus Grau kann Grün werden – nicht als Folklore, sondern als Lebensqualität.
Der Emscher-Umbau ist dafür das beste Bild. Früher „Köttelbecke“ – heute wieder Fluss. Ein Milliardenprojekt, das zeigt: Strukturwandel ist nicht nur Jobabbau, Strukturwandel ist Landschaft, Luft, Alltag.
Und dann die großen Areale: Krupp-Gürtel, neue Quartiere, „Essen 51“, Freiheit Emscher – große Pläne, manchmal zäh wie ein Amtsgang, aber mit echter Dimension.
Und vorneweg schiebt Essen gerade ein Wort, das erst nach Zukunft klingt, wenn man es oft genug gesagt hat: Wasserstoff. H2UB, Stadthafen, Elektrolyse, Tankstelle, Start-ups, große Player – und plötzlich wirkt Essen wie ein Knotenpunkt einer neuen Industriegeschichte. Unsichtbarer Stoff, sichtbare Ambitionen.
Fazit: Phönix? Ja. Aber mit Helm.
Essen hat bewiesen: Eine Stadt kann sterben, ohne unterzugehen. Kohle ist weg. Das war kein Betriebsunfall, das war ein Epochenbruch. Und trotzdem steht die Stadt da – nicht geschniegelt, nicht glatt, aber erstaunlich widerstandsfähig.
Die Big Four machen Essen zum Schreibtisch des Ruhrgebiets: Hier werden Entscheidungen getroffen, die man in ganz Europa spürt. Das ist Segen und Fluch. Denn Abhängigkeit bleibt Abhängigkeit – nur eben jetzt von Wasserstoff-Strategien, Netzentgelten, Stahl-Deals und Dividendenpolitiken.
Und doch steckt in dieser Stadt ein Kapital, das du nicht in der Bilanz findest: die Fähigkeit, Brüche zu überleben. Essen kann Metamorphose. Essen kann Umbau. Essen kann „weiter“.
Nichts ist für die Ewigkeit – außer vielleicht die Ewigkeitslasten.
Aber wenn Essen eines gelernt hat, dann das: Aus Schwarz wird Weiß. Aus Weiß wird Grün. Und vielleicht wird es morgen unsichtbar – wie Wasserstoff. Aber hoffentlich nicht weniger kraftvoll.
Borbeck im Blut, Zukunft im Blick?
Ich schreibe das hier nicht als neutraler Beobachter mit Stadtplan in der Hand, sondern als jemand, der Essen im Herzen trägt. Ich bin in Essen-Borbeck geboren und habe dort bis zu meinem 13. Lebensjahr gelebt. Borbeck war mein Startpunkt. Meine Normalität. Der Soundtrack aus Bude, Schulhof, Panzerbau-Gelände – und diesem typischen Ruhrgebiets-Gefühl: ein bisschen rau, aber nie herzlos.
Vielleicht schaue ich deshalb anders auf diese Stadt. Für Außenstehende ist Essen oft „Strukturwandel“ – ein Begriff wie ein Behördenformular. Für mich ist Essen eher: Familienalbum. Jede Ecke hat einen Abdruck. Und ja, auch jede Narbe.
Was mich heute an Essen fasziniert, ist diese seltene Mischung aus Stolz und Nervosität. Die Stadt hat gelernt, dass nichts garantiert ist. Kohle war mal „für immer“. War sie nicht. Stahl war mal unantastbar. Ist er nicht. Und trotzdem steht Essen noch. Nicht geschniegelt, nicht geschniegelt werden wollend – aber stabil genug, um sich neu zu erfinden.
Die vier großen Konzerne sind dabei wie Wetterlagen: Man kann sie nicht ignorieren. ThyssenKrupp ist das alte Herz, das manchmal stolpert. Evonik ist die raffinierte Fortsetzung der Kohle mit weißem Kittel. E.ON ist das Nervensystem, das die neue Energie-Welt verdrahtet. Und RWE ist der ehemalige Kohlebaron, der heute grün auftreten muss, ohne dass ihm die Realität die Krawatte vom Hals zieht. Das ist keine hübsche Geschichte. Das ist eine echte.
Und Essen selbst? Essen ist – bei aller Kritik – ein Reallabor, das Europa gut gebrauchen kann. Weil hier sichtbar wird, was viele Länder erst noch lernen: Wie man eine alte Industrie-DNA nicht verleugnet, aber auch nicht daran erstickt. Wie man aus „früher“ nicht nur Nostalgie macht, sondern Rohstoff für „morgen“.
Am Ende bleibt für mich ein einfacher Gedanke: Essen ist eine Stadt, die schon mehrfach hätte aufgeben können – und es nie getan hat. Vielleicht ist das das eigentliche Erbe. Nicht Kohle. Nicht Stahl. Sondern dieser trotzige Satz, den man hier nicht pathetisch ausspricht, sondern einfach lebt:
Komm. Machen wir weiter.