Gartner: Der 30-Prozent-Schock

Wenn das Tech-Orakel selbst ins Stolpern gerät
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Stell dir vor, es ist Dienstagmorgen, der 3. Februar 2026. Ein Anleger sitzt vor seinem Depot. Der Kaffee in seiner Tasse wird langsam kalt, während er auf den Bildschirm starrt. Der Chart von Gartner – jahrelang ein Inbegriff für langweilige, aber stoische Aufwärtsbewegungen – sieht plötzlich aus wie ein Herzmonitor, bei dem jemand den Stecker gezogen hat. Minus 30 Prozent in wenigen Stunden. Milliarden an Börsenwert: einfach verdampft. Der Aktienkurs fällt auf rund 142 US-Dollar. Ein brutaler Reset.

Was war passiert? Hatte das Unternehmen Milliarden verbrannt? Gab es einen Betrugsskandal? Nein. Das Orakel der Tech-Welt, das Unternehmen, das anderen Konzernen gegen teures Geld erklärt, wie die Zukunft aussieht, hatte seine eigene Zukunft etwas zu rosig eingeschätzt. Das Wachstum stottert.

Erst die Emotion, jetzt die Analyse. Lass uns sezieren, warum die Wall Street Gartner gerade wie eine heiße Kartoffel fallen lässt – und ob hier gerade die Kaufchance des Jahrzehnts oder eine klassische Wertfalle entsteht.


Die „Cover-Your-Ass“-Maschine

Um Gartner zu verstehen, musst du kein Tech-Nerd sein. Du musst nur die Psychologie eines Angestellten verstehen.

Gartner ist vordergründig ein IT-Forschungs- und Beratungsunternehmen. Sie veröffentlichen Berichte, veranstalten Konferenzen und beraten Manager. Ihr berühmtestes Produkt ist der „Magic Quadrant“ – eine Grafik, die Technologieanbieter in Kategorien wie „Leader“ oder „Visionäre“ einteilt.

Aber das ist nur das, was auf dem Papier steht. In der Realität verkauft Gartner ein Produkt, das in der Geschäftswelt unbezahlbar ist: Absolution.

Stell dir vor, du bist IT-Vorstand (CIO) eines Großkonzerns. Du musst entscheiden, für welches neue KI-System du 10 Millionen Euro ausgibst. Wenn du das falsche System kaufst und das Projekt scheitert, wirst du gefeuert. Wenn du aber das System kaufst, das bei Gartner ganz oben rechts im „Magic Quadrant“ als Marktführer steht, und es scheitert trotzdem? Dann hast du nicht versagt. Dann hat die Technologie versagt. Du sagst deinem Chef: „Wir haben uns exakt an die Empfehlung von Gartner gehalten.“ Du behältst deinen Job.

Gartner bietet „Cover-Your-Ass as a Service“. Für diese Rückendeckung zahlen Unternehmen weltweit astronomische Abo-Gebühren. Das Segment „Insights“ (die Forschung und Berichte) macht 77 Prozent des Umsatzes aus. Es ist ein hochgradig wiederkehrendes Geschäft. Wer einmal drin ist, kündigt sein Abo selten. Dazu kommen Konferenzen (16 Prozent) und direkte Beratung (8 Prozent).

Das Modell ist brillant, greifbar und hat Gartner historisch zu einer absoluten Cash-Maschine gemacht.


Wo die Milliarden hängen bleiben (und wo sie versickern)

Kurz mal durchatmen – jetzt wird es technisch, aber es lohnt sich. Denn die Zahlen von Gartner erzählen eine Geschichte von extremen Kontrasten.

Blicken wir auf das Geschäftsjahr 2025. Gartner hat 6,5 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht. Das ist ein solides Plus von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und jetzt halte dich fest: Die Deckungsbeitragsmarge (Contribution Margin) im Hauptgeschäft „Insights“ liegt bei absurden 77,1 Prozent. Das bedeutet: Für jeden Dollar, den Gartner mit seinen PDFs und Datenbanken einnimmt, bleiben über 77 Cent hängen, bevor Verwaltung und Steuern abgezogen werden. Softwareunternehmen töten für solche Margen.

Trotzdem ist der Nettogewinn 2025 um 42 Prozent auf 729 Millionen Dollar eingebrochen. Warum? Weil Gartner massiv in sich selbst investiert hat und weil die Dynamik dreht. Die wichtigste Kennzahl für das zukünftige Geschäft ist das „Contract Value“ (CV) – also der Wert der fest gebuchten Verträge. Und dieses Wachstum ist kollabiert. Von stolzen fast 8 Prozent in der Vergangenheit fiel das globale CV-Wachstum im vierten Quartal 2025 auf mickrige 0,8 Prozent. Ein Schockfrost.

Gleichzeitig sprudelt der freie Cashflow (Free Cash Flow) weiterhin wie eine Ölquelle: 1,2 Milliarden Dollar hat Gartner 2025 an barem Geld eingenommen. Und was macht das Management damit? Es kauft eigene Aktien. Über 2 Milliarden Dollar flossen 2025 in Aktienrückkäufe. Gartner hat mal eben 8 Prozent aller ausstehenden Aktien vom Markt genommen und vernichtet.

Der Markt hat Gartner daraufhin gnadenlos neu bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das historisch oft bei komfortablen 30 bis 40 lag, ist auf gut 12 bis 14 zusammengeschrumpft.

Merksatz für dein Notizbuch: „Wachstum ist der Treibstoff der Börse. Aktienrückkäufe sind oft nur das Schmerzmittel, wenn der Tank leer ist.“


Unantastbarer Burggraben trifft auf KI-Abrissbirne

Der Bulle sagt: Gartner hat ein Monopol auf B2B-Vertrauen. In einer Welt, in der Künstliche Intelligenz jeden Tag neue Software-Tools ausspuckt, ist die Verwirrung bei den Kunden maximal. Wer Verwirrung stiftet, schafft Beratungsbedarf. Niemand vertraut einem Start-up, alle vertrauen Gartner. Ein KGV von 12 für ein Unternehmen, das Milliarden an Cashflow generiert und aggressiv eigene Aktien kauft, ist ein Geschenk des Himmels.

Der Bär kontert: Hast du dir das Vertrags-Wachstum von 0,8 Prozent mal angesehen? Die Kunden haben genug. Warum sollten sie zehntausende Dollar für starre Berichte zahlen, wenn sie sich die Analysen von fortschrittlichen KI-Agenten in Sekundenbruchteilen selbst zusammenfassen lassen können? Das Geschäftsmodell ist ein Relikt aus der Prä-KI-Ära. Gartner ist nicht der Profiteur der KI-Revolution, Gartner ist ihr nächstes Opfer.


Was gerade wirklich passiert: Paralyse im Tech-Sektor

Wenn wir uns die letzten sechs Monate bis zum Frühjahr 2026 ansehen, sehen wir ein Management, das gegen den Wind rudert.

CEO Eugene Hall hat bei der Vorlage der Q4-Zahlen im Februar 2026 die „größte Transformation aller Zeiten“ (BTI Transformation) angekündigt. Man will die Insights schneller, umfangreicher und zielgerichteter machen. Der Grund dafür ist offensichtlich: Die Verkaufsgespräche dauern länger, Kunden zögern.

Die Ironie der Geschichte? KI ist das absolute Top-Thema bei Gartners Kunden. Im Jahr 2025 hat das Unternehmen über 200.000 tiefe Kundengespräche nur zum Thema KI geführt und seine Bibliothek um 6.000 KI-Dokumente erweitert. Die Nachfrage nach Orientierung ist riesig. Das Problem: Die Kunden reden zwar gerne über KI, aber sie zögern, langfristige, teure Verträge zu unterschreiben. Das Marktumfeld ist chaotisch.

Dazu kommt die große Politik: Initiativen der US-Regierung zur massiven Ausgabenkürzung (Stichwort: Department of Government Efficiency oder DOGE) haben den wichtigen Kundenstamm im öffentlichen Sektor stark verunsichert und Budgets eingefroren.

Die Prognose (Guidance) für 2026? Ernüchternd. Umsatz von mindestens 6,455 Milliarden Dollar (gerade mal +2 % währungsbereinigt). Die Margen sollen sinken, weil Gartner investieren muss, um das Ruder herumzureißen. Das Management verspricht, dass sich das Vertragswachstum im Laufe des Jahres 2026 wieder beschleunigt. Doch die Wall Street glaubt erst, was sie sieht.


Essay: Illusion der Sicherheit im Zeitalter der Algorithmen

Und genau hier wird es spannend. Treten wir einen Schritt zurück und betrachten das große Ganze. Wir schreiben das Jahr 2026. Die Welt hat sich in den letzten drei Jahren durch generative KI radikaler verändert als in den zwei Jahrzehnten davor. Und mittendrin steht Gartner, ein Unternehmen, das den Anspruch erhebt, den Weg in die Zukunft zu leuchten, während es selbst scheinbar über seine eigenen Schnürsenkel stolpert.

Um die Dramatik dieses 30-Prozent-Kurssturzes zu begreifen, müssen wir die Psychologie der Kapitalallokation und der Branchenstruktur verstehen. Die Beratungs- und Research-Industrie ist kein Markt der Innovation, sondern ein Markt der Konsolidierung und der Angst. Unternehmen kaufen keine Gartner-Abonnements, weil sie waghalsig sind, sondern weil sie Risiken minimieren wollen. In den Jahren der Nullzinsen, als das Geld billig war, war ein Gartner-Abo für jeden CIO so selbstverständlich wie der morgendliche Kaffee. Man kaufte Cloud-Software, man abonnierte SaaS-Tools, man buchte Gartner. Das Wachstum war ein Selbstläufer.

Es ist ein stiller Streik der Einkäufer

Doch das makroökonomische Umfeld hat sich gedreht. Der Gürtel in den Vorstandsetagen sitzt enger. Der Fokus liegt 2026 massiv auf Kosteneffizienz. Und wenn Unternehmen anfangen, jeden Dollar zweimal umzudrehen, geraten auch „Cover-Your-Ass“-Budgets auf den Prüfstand. Wenn ein CIO sein Budget rechtfertigen muss, streicht er vielleicht nicht sofort Gartner, aber er bucht das Premium-Paket ab und verlängert das Basis-Abo nur zähneknirschend. Genau diese Dynamik sehen wir in dem fast auf null abgeflachten Vertragswachstum (Contract Value) im vierten Quartal 2025.

Das Gartner-Paradoxon

Noch faszinierender ist die Dynamik rund um das Thema Künstliche Intelligenz. Wir erleben hier das klassische „Gartner-Paradoxon“. Auf der einen Seite ist KI der größte Treiber für intellektuelle Nachfrage in der Geschichte des Unternehmens. Niemand weiß, wohin die Reise geht, also fragen alle das Orakel. Über 200.000 Kundengespräche allein zu KI im letzten Jahr sprechen Bände. Aber – und das ist das entscheidende Aber – diese Gespräche monetarisieren sich nicht mehr so einfach wie früher.

Warum? Weil die Technologie selbst begonnen hat, die Art und Weise zu kannibalisieren, wie Wissen konsumiert wird. Hand aufs Herz: Wenn du eine hochkomplexe Frage zur Software-Architektur hast, fragst du heute noch eine starre Datenbank, die von einem menschlichen Analysten vor sechs Monaten aktualisiert wurde? Oder fütterst du einen hochspezialisierten KI-Agenten, der dir in drei Sekunden eine maßgeschneiderte, synthetisierte Antwort liefert? Die Angst der Wall Street ist greifbar: Was, wenn das Produkt „Research-Report“ durch die KI zur reinen Commodity verkommt? Wenn Informationen nichts mehr kosten, stürzt die 77-Prozent-Marge von Gartner wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Eugene Hall, der CEO, weiß das natürlich. Seine Antwort darauf ist die angekündigte Transformation: Die Insights müssen schneller, „Always-On“ und personalisierter werden. Gartner rüstet seine eigenen Datenbanken massiv mit KI auf, um nicht von außen disruptiert zu werden. Doch solche Transformationen kosten Geld, Zeit und Nerven. Und der Markt hasst nichts mehr als ein Unternehmen, das bei laufendem Motor das Getriebe wechseln muss.

Die goldenen Tage des organischen Hyperwachstums sind vorbei

Blicken wir auf die Kapitalallokation, denn sie verrät oft mehr als jede Powerpoint-Präsentation des Managements. Gartner verhält sich aktuell wie ein extrem wohlhabender, aber leicht panischer Investor. Das Unternehmen hat im Jahr 2025 über 2 Milliarden US-Dollar in eigene Aktien gesteckt. Acht Prozent aller Aktien wurden vom Markt genommen. Im Januar 2026 wurde direkt das nächste 500-Millionen-Dollar-Rückkaufprogramm nachgelegt.

Das ist ein gigantisches „Financial Engineering“. Einerseits treibt es den Gewinn pro Aktie (EPS) künstlich in die Höhe, weil sich der Gewinn auf weniger Aktien verteilt. Warren Buffett würde klatschen, wenn er davon ausgeht, dass die Aktie massiv unterbewertet ist. Andererseits wirft es eine unbequeme Frage auf: Wenn Gartner wirklich die größten Wachstums- und Transformationschancen seiner Geschichte vor sich hat – warum investieren sie diese zwei Milliarden Dollar dann nicht primär in neue Produkte, Zukäufe oder massives Marketing? Warum schrumpfen sie sich lieber selbst? Aktienrückkäufe in dieser Größenordnung bei gleichzeitig stagnierendem Wachstum sind oft das heimliche Eingeständnis des Managements, dass die goldenen Tage des organischen Hyperwachstums vorbei sind.

Doch genau diese Melange bringt uns zur Bewertungsrealität. Und hier muss man den inneren Contrarian, den Querdenker, wecken. Gartner wird aktuell mit einem KGV von etwa 12 bis 14 gehandelt. Wir sprechen hier nicht von einer ausblutenden Stahlhütte, sondern von einem schuldenarmen Marktführer mit extrem hohen Cashflows, festen Kundenbeziehungen in den größten Konzernen der Welt und Margen, von denen andere nur träumen.

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12

Ein KGV von 12 heißt: Der Markt preist den strukturellen Niedergang ein. Die Erwartungshaltung ist aktuell so dermaßen im Keller, dass Gartner im Jahr 2026 eigentlich nur eines tun muss: Nicht sterben. Wenn CEO Eugene Hall es schafft, das Vertragswachstum im zweiten Halbjahr 2026 auch nur auf 3 oder 4 Prozent ansteigen zu lassen, könnte die Aktie massiv nach oben korrigieren, weil die Untergangsszenarien ausgemodelt werden.

Am Ende ist die Investition in Gartner heute eine Wette auf die menschliche Natur. Die Wall Street glaubt, KI wird den menschlichen Analysten ersetzen. Aber die Wall Street unterschätzt oft den Faktor der Verantwortungsdiffusion. Ein KI-Modell kann nicht gefeuert werden. Ein CIO schon. Solange Manager in den 5000 größten Unternehmen der Welt eine externe Instanz brauchen, um ihre eigenen riskanten IT-Entscheidungen abzusichern, wird Gartner seinen Platz haben. Die Frage ist nur, ob sie für diese Absicherung in Zukunft noch denselben Premium-Preis aufrufen können.


Fazit des Autors

Lassen wir die Emotionen beiseite und ziehen einen nüchternen Schlussstrich.

Was spricht wirklich für das Unternehmen?

Gartner ist eine Cashflow-Maschine mit einem absurd profitablen Kernsegment. Das Unternehmen sitzt auf den Schreibtischen der mächtigsten IT-Entscheider der Welt. Die Bewertung (KGV von ~12) ist historisch günstig. Durch die massiven, laufenden Aktienrückkäufe wird der innere Wert jeder verbleibenden Aktie kontinuierlich gesteigert, selbst wenn das Umsatzwachstum vorerst flach bleibt.

Wo liegt das reale Risiko?

Das stagnierende Vertragswachstum ist ein ernsthaftes Warnsignal. Wenn die Kunden ihre Budgets aufgrund von KI-Unsicherheit oder makroökonomischem Druck dauerhaft einfrieren, helfen auch die besten Margen nichts. Zudem besteht die reale Gefahr, dass KI-gestützte Tools die Erstellung von Marktanalysen langfristig so stark vereinfachen, dass Gartners Preissetzungsmacht erodiert. Die aktuelle Transformation muss zwingend greifen.

Welche Erwartung ist im Kurs bereits eingepreist?

Fast schon das Ende der glorreichen Zeiten. Der Kurssturz um 30 Prozent auf das aktuelle Niveau zeigt, dass der Markt für 2026 keine Wunder erwartet. Die Investoren haben ein „No-Growth“-Szenario eingepreist. Jede positive Überraschung – sei es durch nachlassenden Druck im US-Regierungsgeschäft (DOGE) oder eine anziehende Nachfrage durch die neue Strategie – könnte als starker Hebel nach oben wirken. Gartner ist vom hoch bewerteten Wachstums-Liebling zum tief bewerteten Value-Play mutiert.


Ein Wort in eigener Sache

Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele. Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen. Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung. An der Börse gibt es keine Garantien.

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