Hims & Hers Health (HIMS)

Wenn der Chart blutet
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Stell dir vor, du stehst am Strand von San Francisco. Die Sonne scheint, die Wellen rauschen, und plötzlich siehst du, wie jemand versucht, mit Flügeln aus Wachs und Federn zur Sonne zu fliegen. Es sieht majestätisch aus. Die Zuschauer klatschen. Der Kurs steigt.

Und dann: Ein kurzes Zischen. Hitze. Absturz.

Willkommen im Februar 2026 bei Hims & Hers Health.

Wenn du in diesen Tagen in dein Depot geschaut hast, hast du wahrscheinlich kurz die Luft angehalten. Der Chart sieht nicht aus wie eine Kurve, sondern wie eine Klippe. Von den Höhenflügen im Januar, als die Aktie noch gefeiert wurde, runter auf den harten Boden der Tatsachen bei knapp 16 Dollar.   

Was ist passiert? Andrew Dudum, der CEO mit dem Habitus eines Tech-Visionärs, hat sich mit den Göttern angelegt. Oder besser gesagt: mit Novo Nordisk und der FDA. Die Wette auf die 49-Dollar-Abnehmpille – eine „compounded“ Version des Goldesels Wegovy – ist grandios gescheitert. Rückzug nach nur wenigen Tagen. Klagen. Warnbriefe. 

Das hier ist kein normaler „Dip“. Das ist ein Realitätscheck. Hat sich der Disruptor verhoben? Oder ist das genau der Moment, auf den die kaltschnäuzigen Hyänen an der Wall Street gewartet haben, um sich günstig einzukaufen?

Atme kurz durch. Wir wischen das Blut vom Boden und schauen uns an, was wirklich Sache ist.


Das Geschäftsmodell: Pillen, Prestige und Plattformen

Vergiss für einen Moment das juristische Chaos. Womit verdient dieser Laden eigentlich sein Geld?

Ganz einfach: Hims & Hers verkauft Schamfreiheit im Abo.

Andrew Dudum hat früh erkannt, dass Männer (und mittlerweile auch Frauen) zwei Dinge hassen:

  1. Warten beim Arzt.
  2. Peinliche Gespräche über erektile Dysfunktion, Haarausfall oder das Körpergewicht.

Hims hat diese Hürden gesprengt. Sie haben Medizin so einfach gemacht wie das Bestellen einer Pizza. App auf, Fragebogen ausfüllen, kurzer Chat mit einem Arzt (oder einer KI, die wie einer wirkt), und zack – die diskrete Box landet vor deiner Haustür.

Der Clou: Sie verkaufen keine einmaligen Produkte. Sie verkaufen Abos. Wer einmal anfängt, Finasterid gegen die Glatze zu nehmen, nimmt es für immer. Das ist der Stoff, aus dem Investorenträume sind: Recurring Revenue (wiederkehrende Umsätze).

Früher waren sie nur ein schicker Zwischenhändler für Generika (Viagra in hübschen Dosen). Heute versuchen sie, eine eigene Pharma-Macht zu werden. Sie mischen Medikamente selbst („Compounding“), pressen sie in Minzbonbons („Hard Mints“) und personalisieren die Dosis.   

Das Ziel? Ein Gesundheits-Betriebssystem für deinen Körper. Von der Erektion bis zur Langlebigkeit („Longevity“). Klingt sexy. Aber wie wir gerade gelernt haben: Wer Pharma spielt, muss auch nach Pharma-Regeln spielen.


Wo das Geld wirklich hängen bleibt

Jetzt wird es technisch, aber bleib bei mir. Hype bezahlt keine Miete. Cashflow schon. Schauen wir uns die Zahlen an, bevor der Markt Panik bekam (Stand Q3 2025 und FY 2024 Berichte):

  • Der Umsatz: Ein Monster. Wir reden von fast 600 Millionen Dollar in nur einem Quartal (Q3 2025), ein Wachstum von fast 50 % gegenüber dem Vorjahr. Das Unternehmen peilt für das Gesamtjahr 2025 über 2,3 Milliarden Dollar an. Das ist kein „Vielleicht“-Geschäft mehr. Das ist Masse.   
  • Die Abonnenten: Fast 2,5 Millionen Menschen überweisen Hims jeden Monat Geld. Und sie zahlen immer mehr. Der durchschnittliche Umsatz pro Kunde steigt, weil sie nicht mehr nur Pillen für den Sex kaufen, sondern auch die teuren Abnehm-Spritzen und Pillen.   
  • Die Marge: Hier liegt der Hund begraben. Früher glänzte Hims mit Bruttomargen von über 80 % – Werte wie bei einer Softwarefirma. Doch mit dem Einstieg in das Geschäft mit Abnehm-Medikamenten (GLP-1) sinkt die Marge. In Q3 2025 lag sie „nur“ noch bei 74 %. Warum? Weil die Zutaten teurer sind und der Preiskampf tobt.   
  • Der Cash-Berg: Hims sitzt nicht auf dem Trockenen. Sie haben über 1 Milliarde Dollar an Liquidität (Cash und Investments) in der Bilanz.   

Was sagt uns das? Der Laden ist keine Luftnummer. Sie drucken Geld. Der operative Cashflow ist positiv ($149 Mio. in Q3 2025). Aber: Wachstum kostet Marge. Und der jüngste Rechtsstreit wird teuer. Anwälte arbeiten nicht für Minzbonbons.   

Merksatz für dein Notizbuch: Umsatz ist Eitelkeit, Gewinn ist Vernunft, Cash ist Realität. Hims hat Cash. Aber haben sie noch Vernunft?


Das Spannungsfeld: Stärke trifft Risiko

Lass uns die Bullen und die Bären in einen Ring stecken. Wer gewinnt?

Die Stärke (Das Bullen-Argument): Hims hat eine Marke gebaut, die „cool“ ist. Das schafft im Gesundheitswesen fast niemand. Pfizer ist nicht cool. Deine Apotheke um die Ecke ist nicht cool. Hims ist cool. Sie haben direkten Zugang zu 2,5 Millionen Kunden und Unmengen an Daten. Wenn sie sagen „Kauf dieses neue Testosteron-Produkt“, dann hören die Leute zu. Das „Cross-Selling“ (verkaufe dem Haarausfall-Kunden auch was fürs Herz) funktioniert.

Das Risiko (Das Bären-Argument): Das Fundament wackelt. Das gesamte Geschäftsmodell mit den „Compounded“ GLP-1 Medikamenten (den Abnehm-Spritzen und Pillen) basiert auf einer regulatorischen Ausnahme: Der „Drug Shortage List“ der FDA. Solange das Original (Wegovy) knapp ist, darf Hims kopieren. Sobald der Mangel vorbei ist, ist die Party vorbei. Und genau das passiert gerade. Die FDA sagt: „Der Mangel ist vorbei.“ Novo Nordisk sagt: „Wir verklagen euch in Grund und Boden.“   

Wenn Hims diesen Umsatzstrom (der hunderte Millionen ausmacht) verliert, dann war die Bewertung von gestern Makulatur.


Was gerade wirklich passiert (Der Februar-Crash)

Lass uns nicht drumherum reden. Der Februar 2026 war ein Desaster.

  • Der Hochmut: Hims kündigte eine orale Semaglutid-Pille für 49 Dollar an. Ein Kampfpreis. Eine Provokation.
  • Der Fall: Novo Nordisk reichte Klage ein. Die FDA warnte öffentlich vor „Massen-Compounding“ und ungetesteten Pillen.  
  • Der Rückzug: Hims knickte ein und nahm die Pille vom Markt.
  • Die Reaktion: Die Aktie fiel wie ein Stein, neue 52-Wochen-Tiefs wurden getestet.   

Gleichzeitig versucht das Management, das Narrativ zu ändern. „Schaut nicht auf die Pille! Schaut auf Langlebigkeit! Schaut auf Krebsvorsorge!“ Sie haben gerade eine Partnerschaft mit GRAIL verkündet, um Multi-Krebs-Früherkennungstests anzubieten. Das ist clever. Es wirkt seriös. Es lenkt ab. Aber kann ein Bluttest die Wunde schließen, die Novo Nordisk geschlagen hat?


Essay: Der Tanz auf der Rasierklinge

Warum Hims & Hers mehr Silicon Valley als Pharma ist – und warum das gefährlich ist. Es gibt im Silicon Valley ein Motto, das fast schon religiös verehrt wird: „Move fast and break things.“ Bewege dich schnell und mach Dinge kaputt. Wenn du eine Taxi-App (Uber) baust, machst du das Taxigewerbe kaputt. Wenn du eine Unterkunfts-App (Airbnb) baust, machst du das Hotelgewerbe kaputt. Das „Kaputtmachen“ ist Teil des Plans. Es ist Disruption.

Andrew Dudum, der Gründer von Hims, kommt aus dieser Welt. Er ist kein Apotheker. Er ist ein Tech-Unternehmer. Und er hat versucht, das Prinzip „Move fast and break things“ auf die Pharmaindustrie anzuwenden.

Das Problem ist: In der Pharmaindustrie bedeutet „Dinge kaputt machen“ im schlimmsten Fall „Menschen kaputt machen“. Und genau hier zieht die FDA eine rote Linie, die dicker ist als die Mauern von Fort Knox.

Die Hybris der 49-Dollar-Pille

Der Versuch, eine orale Version von Semaglutid für 49 Dollar auf den Markt zu werfen, war der Inbegriff dieses Tech-Denkens. Novo Nordisk hat Milliarden ausgegeben, um Wegovy zu entwickeln. Sie haben Jahre in klinischen Studien verbracht. Sie haben eine komplexe Technologie („SNAC“) erfunden, damit der Wirkstoff überhaupt durch den Magen kommt. Hims dachte sich: „Wir nehmen den Rohstoff, packen ihn in eine andere Hülle (‚Liposomen‘), nennen es Innovation und verkaufen es für einen Bruchteil des Preises.“

Aus Sicht eines Software-Entwicklers ist das logisch: Open Source den Code, mach es billiger, skaliere es. Aus Sicht der Medizin ist es Wahnsinn. Wo sind die Studien? Wo sind die Bioäquivalenz-Daten? Hims argumentierte mit „personalisierter Medizin“. Die FDA sah darin ungetestete Massenware.

Der Rückzug war nicht nur ein operativer Fehler. Er war ein kultureller Zusammenprall. Er zeigte, dass man Biologie nicht einfach „hacken“ kann wie einen Server.

Das Paradoxon der Marke

Und doch – und hier wird es für dich als Anleger spannend – hat Hims etwas geschafft, wovon Pharma-Riesen nur träumen. Sie haben eine Beziehung zum Kunden. Novo Nordisk kennt dich nicht. Dein Arzt kennt dich (vielleicht). Deine Apotheke kennt dich. Aber Novo Nordisk ist nur ein Logo auf einer Schachtel. Hims & Hers ist in deinem Postfach. In deinem Instagram-Feed. Sie fragen dich, wie dein Sexleben ist, wie deine Haare wachsen, wie du schläfst.

Dieses Vertrauen ist das wahre Kapital. Die Frage ist: Hat der Februar-Skandal dieses Vertrauen zerstört? Wenn du auf Trustpilot schaust, siehst du wütende Kunden, die sich über „KI-Support“ und Abo-Fallen beschweren. Aber du siehst auch Millionen, die bleiben. Warum? Weil das Gesundheitssystem in den USA kaputt ist. Es ist teuer, langsam und unpersönlich. Hims ist die Rettungsinsel für alle, die keine 1.000 Dollar für Wegovy haben und keine drei Monate auf einen Termin beim Dermatologen warten wollen.   

Die Flucht nach vorn: Longevity

Dudum weiß, dass das GLP-1 Spiel auf wackeligen Beinen steht. Deshalb die Flucht nach vorn. Die Vision 2030 heißt „Longevity“. Langlebigkeit. Das klingt nach Science-Fiction, ist aber eigentlich nur gute Prävention. Bluttests, Hormon-Optimierung, Krebsvorsorge mit GRAIL. Die Wette ist: Wenn wir den Kunden nicht mehr die billige Abnehmspritze verkaufen dürfen, verkaufen wir ihnen das Wissen über ihren Körper. „Hier ist dein Blutbild. Du hast Vitamin-D-Mangel und dein Testosteron ist niedrig. Hier ist das Abo dagegen.“

Das ist weniger riskant als Patentverletzungen. Und es passt zur Zielgruppe. Millennials und Gen Z wollen nicht nur gesund werden, sie wollen optimiert sein.   

Hand aufs Herz: Die Bewertung

Schauen wir auf den Preis. Nach dem Crash handelt Hims bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) von unter 2. Das ist für ein Unternehmen, das mit 50 % wächst, absurd billig – wenn man glaubt, dass sie überleben. Der Markt preist gerade ein, dass Novo Nordisk sie in Grund und Boden klagt und das GLP-1 Geschäft auf Null geht.

Ist das fair? Vielleicht. Aber Hims hat 1 Milliarde Dollar Cash. Sie haben ein Aktienrückkaufprogramm von 250 Millionen Dollar gestartet, genau jetzt, im Tal der Tränen. Das ist ein Signal. Das Management sagt: „Ihr irrt euch. Wir sind mehr wert.“   

Hims & Hers steht an einem Scheideweg

Weg A: Sie werden zum „Napster“ der Pharma-Branche. Ein Pionier, der von den Rechteinhabern (Novo, Lilly) zu Tode geklagt wird, aber den Weg für andere ebnet. Weg B: Sie werden zum „Netflix“. Sie starteten mit Versand von DVDs (hier: Generika), hatten Ärger mit den Studios (Pharma), und begannen dann, ihren eigenen Content zu produzieren (personalisierte Medizin, Longevity), um unverzichtbar zu werden.

Aktuell sieht es verdammt nach Weg A aus. Aber unterschätze niemals einen Gründer, der mit dem Rücken zur Wand steht und 1 Milliarde Dollar in der Tasche hat.


Fazit des Autors

Kommen wir zum Punkt. Solltest du in dieses fallende Messer greifen?

Was spricht dafür?

  • Die Bewertung ist ausgebombt. Viel schlechter kann die Stimmung kaum werden.
  • Das Kerngeschäft (Haare, Haut, Sex) wächst auch ohne die Skandal-Pillen solide weiter.
  • Die Bilanz ist eine Festung. Kein Insolvenzrisiko in Sicht.
  • Der Trend zur Selbstoptimierung und Telemedizin ist unaufhaltsam. Hims sitzt genau auf dieser Welle.

Wo liegt das reale Risiko?

  • Der Rechtsstreit mit Novo Nordisk kann sich Jahre ziehen und Millionen kosten.
  • Die FDA könnte statuieren wollen, dass „Compounding“ im großen Stil verboten gehört. Das würde das Geschäftsmodell im Kern treffen.
  • Reputationsschaden: Wenn Kunden glauben, Hims verkaufe „Fake-Medizin“, ist die Marke tot.

Was ist eingepreist? Der Markt erwartet aktuell fast den Worst-Case im GLP-1 Segment. Jede positive Nachricht – eine Einigung mit Novo, eine Duldung durch die FDA, starke Zahlen aus dem Kerngeschäft – könnte eine massive Erholung auslösen.

Es ist eine Wette. Keine Investition für Witwen und Waisen. Aber für jemanden mit starken Nerven? Vielleicht die Chance des Jahres.


Ein Wort in eigener Sache

Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele. Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen. Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung. An der Börse gibt es keine Garantien.

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