Hubspot hat in vier Tagen 50 % an Wert verloren
Am 07.01.2026 notierte Hubspot noch bei 341 Euro – innerhalb von wenigen Tagen ist die Aktie auf 169 Euro gefallen. Das ist kein „Dip“. Das ist ein Blutbad. Wenn eine Aktie kurzfristig 50 % an Wert verliert – und das ohne Bilanzskandal – dann ist Panik am Werk.
Hier ist die Autopsie des Absturzes:
Der Auslöser: Die „SaaS-Apokalypse“
Der Markt hat nicht auf Zahlen reagiert, sondern auf eine neue Erzählung. Und die lautet: „Software ist tot. Lang lebe die KI.“
In den letzten Wochen (Ende 2025/Anfang 2026) hat sich die Angst verdichtet, dass KI-Modelle nicht mehr nur Assistenten sind, sondern Ersatz.
- Die Angst: HubSpot verdient Geld pro „Seat“ (pro Mitarbeiter, der die Software nutzt).
- Das Szenario: Wenn KI-Agenten in Zukunft das Marketing und den Vertrieb übernehmen, brauchst du keine 20 Mitarbeiter mehr. Du brauchst vielleicht noch zwei.
- Die Folge: Weniger Mitarbeiter = weniger Lizenzen = HubSpots Umsatzmodell kollabiert (in der Theorie der Bären).
Berichte über interne Tools von OpenAI, die CRM-Funktionen übernehmen könnten, haben diesen Brandbeschleuniger in den Markt geworfen. Investoren verkaufen nicht, weil das Geschäft heute schlecht läuft. Sie verkaufen, weil sie glauben, dass das Geschäftsmodell in 3 Jahren obsolet ist.
Das Paradoxon der Zahlen
Das Tragische – und hier musst du stark sein – ist: HubSpot hat geliefert.
Die Zahlen für das Q4 2025;
- Umsatz: Geschlagen (ca. 847 Mio. USD vs. 830 Mio. USD erwartet).
- Gewinn: Geschlagen (EPS $3.10 vs. $2.99 erwartet).
- Ausblick 2026: Besser als erwartet (Umsatzprognose ~3,7 Mrd. USD).
Normalerweise steigt eine Aktie bei solchen Nachrichten. Aber in diesem Klima? Keine Chance. Der Markt hat die guten Zahlen ignoriert und sich nur auf das „Existenzrisiko“ fokussiert. Wenn der Markt glaubt, dein Haus brennt bald ab, interessiert es ihn nicht, dass du gerade die Küche renoviert hast.
Die Bewertungsschere
HubSpot war teuer. Auch bei 341 € war noch viel „Zukunftsfantasie“ eingepreist. Wenn diese Fantasie Risse bekommt, passiert ein „Re-Rating“. Der Markt bewertet SaaS-Software gerade neu. Weg von „High Growth Multiples“ (wir zahlen das 10-fache des Umsatzes) hin zu „Utility Multiples“ (wir zahlen nur noch das 4- oder 5-fache). Dieser Prozess ist brutal und rücksichtslos.
Was das für dich bedeutet
Du siehst hier eine klassische Diskrepanz zwischen fundamentaler Realität (Zahlen sind top) und Marktstimmung (Angst vor KI-Tod).
- Das Risiko: Die Angst könnte berechtigt sein. Wenn „Agentic AI“ (selbstständige KI) wirklich so schnell kommt, muss HubSpot sein Preismodell radikal ändern (weg von „Seats“, hin zu „Outcome“). Ob das klappt, ist ungewiss.
- Die Chance: Der Markt übertreibt oft. HubSpot hat 2 Milliarden Cash, kauft Aktien zurück (1 Mrd. USD Programm wurde angekündigt) und integriert selbst KI („Breeze“).
Kurz gesagt: Der Kurssturz ist keine Reaktion auf einen Fehler des Managements. Es ist eine Wette des Marktes gegen die Zukunft von „Seat-based SaaS“.
Die Eine-Millionen-Dollar-Frage
Möchtest du wissen, wie HubSpots neue „Agentic“-Strategie (Breeze) genau funktionieren soll, um gegen diesen Trend anzukämpfen?
Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage (oder im Fall von HubSpot eher die 30-Milliarden-Dollar-Frage).
Wenn die Investoren Angst haben, dass „Sitze“ (Seats) verschwinden, muss HubSpot beweisen, dass sie Geld verdienen können, wenn die Software die Arbeit macht, nicht der Mensch.
Die Antwort ist „Breeze“. Aber nicht als nettes Zusatz-Feature, sondern als komplette Umbau-Maßnahme des Geschäftsmodells. Hier ist der Bauplan, wie HubSpot den eigenen Kannibalismus überleben (und daran verdienen) will.
Die neue Dreifaltigkeit: Assist, Do, Know
HubSpot unterteilt seine KI-Strategie in drei Stufen. Das ist wichtig, weil jede Stufe anders monetarisiert wird.
Stufe 1: Breeze Copilot („Der Assistent“)
- Was es ist: Ein Chatbot, der überall in HubSpot auftaucht. Du sagst: „Fass mir diesen Kundenanruf zusammen“ oder „Schreib eine Follow-up-Mail“.
- Der Mensch: Ist noch voll da. Er drückt die Knöpfe.
- Das Geld-Modell: Das ist der „Seat-Retter“. Es macht die Software so „sticky“, dass der Mitarbeiter sie nicht mehr missen will. Es rechtfertigt höhere Preise pro Sitzplatz, weil der Sitzplatz jetzt „supercharged“ ist.
Stufe 2: Breeze Agents („Die Arbeiter“) – Hier liegt die Revolution
- Was es ist: Autonome Bots, die Aufgaben komplett übernehmen. Sie warten nicht auf Befehle, sie arbeiten im Hintergrund.
- Social Media Agent: Erstellt Posts, plant sie und analysiert die Klicks.
- Prospecting Agent: Sucht Leads, schreibt sie an, qualifiziert sie.
- Customer Agent: Beantwortet Support-Tickets selbstständig.
- Der Mensch: Ist nur noch der Manager des Bots. Er gibt das Ziel vor („Besorg mir 10 Leads pro Woche“) und kontrolliert das Ergebnis.
- Das Geld-Modell: Hier kommt der Shift vom „Mietmodell“ (Sitz) zum „Verbrauchsmodell“ (Credits).
Stufe 3: Breeze Intelligence („Das Gehirn“)
- Was es ist: HubSpot hat riesige Datenbanken (durch den Kauf von Clearbit). Die KI weiß, wer auf deiner Website ist, auch wenn der Besucher sich nicht einträgt.
- Der Zweck: Den „Tod des Trichters“ bekämpfen. Wenn Google keine Leads mehr schickt, muss die Software aus den wenigen Daten, die sie hat, mehr herausholen.
Der ökonomische Trick: Credits statt Köpfe
Das ist der Kern deiner Frage. Wie ersetzt man den Umsatz, wenn eine Firma statt 10 Vertrieblern (SDRs) nur noch 2 einstellt, weil die KI den Rest macht?
Das alte Modell: Du zahlst ~100 € pro Monat für einen „Sales Hub Seat“. 10 Mitarbeiter = 1.000 € Umsatz für HubSpot.
Das neue Modell (Hybrid): Du hast nur noch 2 Mitarbeiter (200 € Umsatz). ABER: Du kaufst „Credits“ (Guthaben) für die Breeze Agents.
- Der Prospecting Agent braucht Credits, um Leads zu finden.
- Der Customer Agent braucht Credits, um Tickets zu lösen.
- Der Data Agent braucht Credits, um Firmeninfos anzureichern.
Die Wette: HubSpot wettet darauf, dass Unternehmen bereit sind, für das Ergebnis (gebuchtes Meeting, gelöstes Ticket) zu zahlen. Wenn der KI-Agent für 500 € Credits im Monat so viel Arbeit erledigt wie ein Junior-Vertriebler, der 4.000 € Gehalt kostet, ist das für den Kunden immer noch ein Schnäppchen. Für HubSpot bedeutet das: Sie verdienen nicht mehr an der „Anwesenheit“ des Mitarbeiters (Seat), sondern an der „Produktivität“ der Firma (Usage).
Funktioniert das schon? (Realitätscheck)
Das Management sagt: Ja. Die Realität sagt: Jein.
- Der Erfolg: Der „Customer Agent“ (Support-Bot) wird stark genutzt. Kunden lieben es, einfache Tickets (Passwort vergessen, Wo ist meine Bestellung?) zu automatisieren. Hier fließen bereits Credits.
- Das Problem: Im Vertrieb (Sales Agent) ist es schwieriger. Ein KI-Bot, der Kunden anschreibt, klingt oft noch roboterhaft. Wenn die Qualität der KI-Mails schlecht ist, verbrennt man Leads. Deshalb zögern viele Firmen noch, die „volle Autonomie“ freizuschalten.
Warum HubSpot hier einen Vorteil hat (Der „Context“-Burggraben)
Warum nutzen Firmen nicht einfach ChatGPT für 20 $? Weil ChatGPT deine Kunden nicht kennt.
HubSpot sagt: „Unsere KI (Breeze) sitzt direkt auf deinen Daten (Smart CRM).“
- Der Agent weiß, welche E-Mails der Kunde letztes Jahr geöffnet hat.
- Er weiß, dass der Kunde gestern auf der Preisseite war.
- Er weiß, dass der Kunde ein offenes Support-Ticket hat und man ihm jetzt besser nichts verkaufen sollte.
Dieser Kontext ist der Schutzschild gegen billige KI-Modelle von außen. Ein „nacktes“ KI-Modell ist dumm. Ein KI-Modell mit 10 Jahren Kundendaten ist ein Genie.
Fazit des Autors: Die Strategie in einem Satz
HubSpot will sich von einem Software-Vermieter (du mietest das Werkzeug) zu einem digitalen Leiharbeits-Anbieter (du bezahlst den Roboter-Arbeiter) wandeln.
Das Risiko: Wenn die Preise für „KI-Arbeit“ (Tokens) durch den Wettbewerb gegen Null fallen (Race to the Bottom), bricht das Modell zusammen. HubSpot muss beweisen, dass ihre „Intelligenten Agenten“ so viel besser sind als Standard-KI, dass sie Premium-Preise (über Credits) verlangen können.