Kapitel Lebensversicherung

Die teuerste Beruhigungspille der Finanzindustrie

Wenn es ein Produkt gibt, das die Ineffizienz der deutschen Finanzkultur perfekt symbolisiert, dann ist es die klassische Kapitallebensversicherung. Die Vertreter in den feinen Anzügen verkaufen dir kein Finanzprodukt. Sie verkaufen ein Gefühl. Das Gefühl einer warmen, sicheren Decke für das Alter.

Die brutale Wahrheit: Diese Decke ist absurd teuer, sie macht dich extrem unbeweglich, und sie wird zum großen Teil aus deiner eigenen Rendite gestrickt. Eine Lebensversicherung ist wie ein schwerer Lieferwagen, den du mit angezogener Handbremse über die Autobahn prügelst. Er fährt zwar irgendwie vorwärts, aber du fragst dich jahrzehntelang, warum du nie wirklich Tempo aufbaust und wo der ganze Sprit hin verschwindet.

Die Todsünde: Sparen und Risiko im selben Topf

Der fundamentale Konstruktionsfehler dieser Produkte ist die Vermischung von Vermögensaufbau und Risikoschutz (Todesfallabsicherung).

Wenn du 100 Euro Prämie im Monat einzahlst, fließt dieser Hunderter nicht in deinen Vermögensaufbau. Er durchläuft eine gigantische, unsichtbare Mautstation. Zuerst zieht die Versicherung die happigen Abschluss- und Vertriebskosten ab (damit wird die Provision des Beraters bezahlt). In den ersten fünf Jahren frisst dieser Block fast deine gesamte Rendite auf. Danach greifen die laufenden Verwaltungskosten. Dann wird der Risikoanteil für deinen Todesfallschutz abgezogen. Erst das, was danach noch übrig bleibt – der sogenannte „Sparanteil“ –, wird überhaupt verzinst.

Die rationale, saubere Lösung für dieses Problem ist seit Jahrzehnten bekannt: Trenne die Dinge voneinander. Sichere deine Familie für Peanuts mit einer reinen, separaten Risikolebensversicherung ab. Und das gesparte Geld jagst du kostengünstig, flexibel und transparent in einen weltweiten ETF-Sparplan.

Der Garantiezins: Ein juristischer Rechentrick

„Aber Thomas, ich bekomme doch jetzt wieder 1,0 Prozent Garantiezins!“

Richtig. Zum 1. Januar 2025 hat das Finanzministerium den sogenannten Höchstrechnungszins von mickrigen 0,25 Prozent auf 1,0 Prozent angehoben. Die Branche feiert das als großes Comeback. Lass die Korken in der Flasche, es ist ein mathematischer Witz.

Das Wort „Garantiezins“ suggeriert deinem Gehirn einen Mindestertrag auf dein eingezahltes Geld. In der Praxis ist es lediglich eine Kalkulationsobergrenze. Und der absolute Clou: Dieser Zins gilt ausschließlich auf den vorhin erwähnten, kastrierten Sparanteil nach Abzug aller Kosten. Wenn du 100 Euro einzahlst und nach Kosten nur 80 Euro im Spartopf landen, bekommst du deine tollen 1,0 Prozent Zinsen auch nur auf diese 80 Euro. Effektiv machst du auf deine echte Einzahlung also Verlust. Die offizielle Inflation steht am Rand und lacht dich aus. Sicherheit ist ein legitimes Bedürfnis – aber nicht, wenn du sie mit einem garantierten, systematischen Kaufkraftverlust bezahlst.

Die Bürgergeld-Falle: Wenn dir dein Notgroschen nicht mehr gehört

Hier spielen sich die echten, ungesehenen Tragödien ab. Viele Anleger betrachten ihre Lebensversicherung als eisernen Notgroschen: „Das ist mein Geld, das kann mir keiner nehmen.“ Falsch.

Wenn das Leben zuschlägt und du in die Arbeitslosigkeit (Bürgergeld) rutschst, wird der Staat deine Finanzen durchleuchten. Eine ungeförderte Kapitallebensversicherung gilt im Sozialrecht grundsätzlich als verwertbares Vermögen. Überschreitet der Rückkaufswert deines Vertrags die gesetzlichen Schonbeträge, zwingt dich das Amt im schlimmsten Fall dazu, die Police zu kündigen und erst einmal dein Erspartes aufzuessen, bevor auch nur ein Cent staatliche Hilfe fließt.

Du hast jahrzehntelang brav eingezahlt, musst dann im denkbar schlechtesten Moment mit massiven Stornoverlusten kündigen und stehst vor den Trümmern deiner Altersvorsorge. Du stellst fest: Die verkaufte „Sicherheit“ war in Wahrheit nur ein juristischer Käfig, der dir jegliche Flexibilität genommen hat.

Fondsgebundene Policen: Der Sportwagen mit Beton im Kofferraum

Um der miesen Zins-Optik zu entkommen, drückt dir der Vertrieb heute „fondsgebundene Rentenversicherungen“ (Fondspolicen) in die Hand. Das klingt modern. Im Kern des Vertrags schlagen echte Aktienfonds oder ETFs. Das ist der Motor eines Sportwagens.

Das Hauptverkaufsargument ist der Steuervorteil: Das sogenannte Halbeinkünfteverfahren. Wenn der Vertrag mindestens 12 Jahre läuft und du ihn dir erst nach deinem 62. Geburtstag auszahlen lässt, musst du nur 50 Prozent der Gewinne versteuern. Das klingt nach einem sensationellen Deal mit dem Finanzamt.

Der Haken ist der Versicherungsmantel um diesen Kern herum. Dieser Mantel wiegt Tonnen. Die Versicherung kassiert für diesen Steuervorteil gewaltige Abschluss-, Mantel- und Verwaltungskosten, die jedes Jahr deine Rendite rasieren. Was nützt dir ein Steuerrabatt am Ende der Laufzeit, wenn die Gebühren der Versicherung den Zinseszins-Effekt auf dem Weg dorthin massiv abgewürgt haben? In den allermeisten Fällen schlägt ein simples, unflexibles, aber dafür extrem billiges ETF-Depot die teure Steuer-Optimierungs-Maschine der Versicherung um Längen.

Steuervorteile sind kein Freifahrtschein für schlechte Produkte. Was der Staat dir erlässt, holt sich in diesen Verträgen meistens der Versicherer.

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