Kapitel Riester & Rürup

Die staatlich subventionierte Zwangsjacke

Wir Deutschen lieben Sicherheit. Wir lieben sie so sehr, dass wir bereit sind, dafür jede Chance auf echten Vermögensaufbau zu opfern. Die Finanzindustrie weiß das – und der Staat hat mit Riester und Rürup die ultimativen Monumente für diese German Angst geschaffen. Es sind Förderprodukte, die dir eine warme Decke versprechen, dir aber in Wahrheit fiskalische Betonklötze an die Füße binden.

Wer hier blind unterschreibt, weil „der Staat ja was dazugibt“, hat die grundlegende Mathematik der Börse nicht verstanden. Machen wir erst eine ehrliche Bestandsaufnahme deiner Renteninformation, bauen einen liquiden Puffer auf und setzen das weltweite ETF-Portfolio auf. Erst wenn das Fundament aus Stahl ist, dürfen wir überhaupt über Förderprodukte nachdenken. Denn in den meisten Fällen ruinieren sie dir nur die Bilanz.

Die Riester-Rente: Wie eine Garantie deine Rendite erdrosselt

Riester wurde uns Anfang der 2000er Jahre als das Heilmittel für die schrumpfende gesetzliche Rente verkauft. Heute ist das Produkt für Millionen Anleger verbrannt. Der Grund dafür ist ein Konstruktionsfehler, der sich wie eine Schlinge um den Hals deines Depots legt: die gesetzliche Beitragsgarantie.

Das Gesetz zwingt die Anbieter, dir zum Renteneintritt mindestens deine eingezahlten Beiträge plus die staatlichen Zulagen zu garantieren. Das klingt in den Ohren eines ängstlichen Sparers fantastisch. In der Realität des Kapitalmarktes ist diese Garantie dein finanzielles Todesurteil. Was passiert im echten Leben? Wenn die Börsen auch nur leicht wackeln, springt der Risiko-Algorithmus der Versicherung an. Um die gesetzliche Garantie nicht zu gefährden, verkauft der Anbieter deine Aktienanteile am absoluten Tiefpunkt des Crashs und schichtet dein Geld in „sichere“, aber quasi unverzinste Anleihen um. Danach erholen sich die Aktienmärkte wieder – aber du bist nicht mehr dabei. Du bist im Niedrigzins gefangen. Die Branche nennt das die „Cash-Lock-Falle“.

Das ist kein Pech. Das ist das System. Ein Riester-Fondssparplan mag flexibler sein als eine klassische Versicherung, aber solange die 100-Prozent-Garantie greift, ist es kein Investieren. Es ist ein staatlich verordnetes Rendite-Verbot. Riester lohnt sich heute mathematisch fast ausschließlich für einen einzigen, extrem spitzen Fall: Geringverdiener mit vielen Kindern, bei denen die staatlichen Kinderzulagen die eigene Sparleistung um ein Vielfaches übersteigen. Für alle anderen ist es ein Nullsummenspiel nach Inflation.

Wohn-Riester: Die tickende Steuerbombe im Eigenheim

Wohn-Riester klingt nach dem ultimativen deutschen Traum: Der Staat hilft dir, dein Häuschen im Grünen zu finanzieren. In Wahrheit unterschreibst du hier für eine Bürokratie-Oper, die im Alter in einer fiskalischen Tragödie endet.

Die Falle lauert im sogenannten Wohnförderkonto. Weil du dein Riester-Geld in Steine statt in einen Rentenvertrag steckst, merkt sich der Staat jeden geförderten Cent, der in dein Haus geflossen ist, auf einem fiktiven Schattenkonto. Und jetzt kommt der Genickbruch: Dieses fiktive Konto wird vom Finanzamt jedes Jahr um 2 Prozent fiktiv verzinst. Dein Schuldenberg beim Staat wächst und wächst.

Wenn du dann in Rente gehst, greift die nachgelagerte Besteuerung. Das Finanzamt klopft an und verlangt Einkommensteuer auf dieses gigantisch aufgeblähte, fiktive Wohnförderkonto. Du sitzt als 67-Jähriger in deinem abbezahlten Haus, hast keine Rente aus diesem Vertrag, sollst aber plötzlich eine massive Steuerlast abstottern. Du brauchst also extrem viel liquide Cash-Reserven, um die Steuern für das Haus bezahlen zu können. Wer das unterschätzt, den frisst das Konstruktionsmerkmal bei lebendigem Leib.

Rürup (Basisrente): Der Tresor ohne Türgriff

Die Rürup-Rente ist das Konstrukt für gutverdienende Selbstständige und Freiberufler. Der Köder ist massiv: Du kannst die Beiträge in der Ansparphase extrem hoch von der Steuer absetzen und das Kapital ist vor dem Zugriff von Gläubigern oder dem Insolvenzverwalter geschützt. Das klingt genial.

Aber der Preis für diesen Schutz ist absolute Inflexibilität. Rürup ist wie ein Tresor, den du von innen abschließt und den Schlüssel aus dem Fenster wirfst. Du kommst an das Geld vor deinem 62. Lebensjahr unter keinen Umständen heran. Es gibt keine Einmalauszahlung. Niemals. Du bekommst ausschließlich eine monatliche Leibrente.

Stirbst du früh, sagen wir mit 68 Jahren, und hast keine sündhaft teuren Zusatzbausteine für den Hinterbliebenenschutz eingebaut, verfällt das restliche Kapital. Deine Erben gehen leer aus, das Geld verbleibt im Kollektiv der Versicherung. Und der Steuervorteil von heute wird im Alter brutal zurückgefordert: Die nachgelagerte Besteuerung steigt Jahr für Jahr an. Wer ab dem Jahr 2058 in Rente geht, muss jeden einzelnen Cent seiner Auszahlung zu satten 100 Prozent mit seinem persönlichen Einkommensteuersatz versteuern. Rürup ist eine Wette auf ein biblisches Alter und niedrige Steuersätze in der Zukunft. Eine Wette, die viele verlieren.

Schadensbegrenzung: Niemals wütend kündigen

Wenn du jetzt in deine Aktenordner schaust und feststellst, dass du so einen Vertrag an der Backe hast: Ruhe bewahren. Die schlechteste aller Optionen ist die wutentbrannte, förderschädliche Kündigung. In diesem Fall holt sich der Staat gnadenlos jeden Cent Zulage und jeden Euro Steuervorteil der letzten Jahre auf einen Schlag zurück. Von deinem angesparten Kapital bleibt nur ein Krater übrig.

Die oft einzig mathematisch kluge Lösung: Den Vertrag eiskalt beitragsfrei stellen. Du zahlst ab morgen keinen Cent mehr ein. Lass das Ding als Mahnmal in der Ecke liegen, schlucke den Stolz runter und leite den monatlichen Cashflow ab sofort in deinen eigenen, kostengünstigen ETF-Sparplan um.

Papierkram ist Rendite: Der Staat belohnt keine Passivität

Zum Schluss noch die unsexy Wahrheit über das deutsche System: Das Finanzamt ist eine Holschuld. Der Staat schenkt dir nichts, wenn du nicht den Antrag stellst.

Wer seine Freistellungsaufträge (die 1.000 Euro Steuerfreibetrag) nicht rechtzeitig bei seinen Brokern einrichtet, zahlt Steuern, die er nicht zahlen müsste. Wer bei Bank A kräftig Gewinne macht und bei Bank B herbe Verluste kassiert, muss bis spätestens Mitte Dezember die Verlustbescheinigung bei Bank B beantragen, um das bankenübergreifend mit der Anlage KAP in der Steuererklärung verrechnen zu können. Wer das vergisst, verschenkt bares Geld. Die beste ETF-Rendite nützt dir absolut nichts, wenn das Finanzamt sich durch deine eigene bürokratische Passivität den Löwenanteil zurückholt.

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