Kapitel Zertifikate

Die smarte Verpackung für dein dümmstes Risiko

Der Name allein ist ein psychologischer Geniestreich der Finanzindustrie. „Zertifikat“. Das klingt nach offiziellem Stempel, nach TÜV-Prüfung, nach notarieller Beglaubigung. Es klingt nach Sicherheit.

Die juristische Realität dahinter könnte nicht weiter von Sicherheit entfernt sein. Wenn du einen ETF oder einen klassischen Investmentfonds kaufst, gilt dein Geld als Sondervermögen. Geht die Fondsgesellschaft (zum Beispiel BlackRock oder Vanguard) pleite, bleibt dein Geld unantastbar. Es gehört dir. Ein Zertifikat hingegen ist rechtlich nichts weiter als eine Inhaberschuldverschreibung. Übersetzt: Du gibst einer Bank einen unbesicherten Kredit. Du bist kein Miteigentümer an Apple- oder Microsoft-Aktien, selbst wenn das Zertifikat deren Kurse abbildet. Du bist schlichtweg ein Gläubiger der Bank. Geht der Emittent bankrott, ist dein Zertifikat nur noch ein wertloses Stück Papier in der Insolvenzmasse. Der Basiswert kann in der Zwischenzeit um 500 Prozent steigen – dein Geld ist trotzdem weg. Das nennt man Emittentenrisiko. Es ist das dümmste Risiko, das du an der Börse eingehen kannst.

Lehman 2008: Der Tag, an dem „sicher“ zum Schimpfwort wurde

Das ist keine theoretische Schwarzmalerei. Das ist deutsche Finanzgeschichte. Am 15. September 2008 meldete die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an. Schätzungsweise 50.000 deutsche Privatanleger verloren auf einen Schlag einen Großteil ihrer Ersparnisse.

Warum? Weil die Sparkassen und Volksbanken ihnen Lehman-Zertifikate als „mündelsichere Festgeld-Alternativen“ ins Depot gelegt hatten. Die Banken kassierten dafür fürstliche Provisionen. In den Hinterzimmern der Branche kursierte für die Käufer dieser Papiere damals der makabre zynische Begriff „AD-Kunden“ – das stand für „alt und doof“. Die bittere Lektion aus 2008 lautet: Kein Zinsaufschlag der Welt – und sei es nur ein mickriges Prozent mehr als auf dem Tagesgeld – kompensiert jemals das Risiko, dass dein Schuldner über Nacht von der Bildfläche verschwindet. Wer für ein Prozent mehr Rendite den Totalverlust riskiert, investiert nicht. Er sammelt Cent-Stücke vor einer herannahenden Dampfwalze auf.

Discountzertifikate: Der garantierte Rendite-Kastrat

Bankberater lieben Discountzertifikate. Das Verkaufsargument klingt für das menschliche Schnäppchen-Gehirn unwiderstehlich: „Sie kaufen die Aktie heute mit Rabatt.“

Die Mechanik funktioniert so: Die Aktie steht bei 100 Euro. Du kaufst das Zertifikat für 90 Euro. Der Haken? Deine Gewinnchance wird gnadenlos nach oben gedeckelt (der sogenannte Cap) – sagen wir bei 110 Euro. Wir spielen die drei Szenarien durch:

  • Der Markt läuft seitwärts: Die Aktie dümpelt bei 102 Euro. Du hast für 90 gekauft, bist also im Plus. Der Verkäufer hat recht behalten.
  • Der Crash: Die Aktie bricht auf 50 Euro ein. Der Berater sagt: „Sehen Sie, Sie sind nur von 90 auf 50 gefallen, nicht von 100!“ Toll. Du blutest trotzdem massiv. Der Rabatt war nur ein winziger Regenschirm, der dir im Orkan sofort um die Ohren geflogen ist.
  • Die Rallye: Die Aktie explodiert auf 150 Euro. Du bekommst exakt 110 Euro ausgezahlt. Du stehst unten und winkst deinen verpassten Gewinnen hinterher.

Langfristig ist das Discountzertifikat ein mathematischer Rendite-Killer. Du tauschst das wichtigste, asymmetrische Element der Aktie – nämlich das unbegrenzte Wachstum nach oben – gegen einen lächerlichen kleinen Risikopuffer ein. Du behältst das volle Crash-Risiko, kastrierst aber deine Gewinne. Das ist ein Deal, über den sich nur die emittierende Bank freut.

Rohstoffzertifikate: Die unsichtbare Contango-Falle

Viele Anleger sehen, dass der Öl- oder Weizenpreis explodiert, und wollen mitverdienen. Sie kaufen ein Rohstoffzertifikat. Am Ende des Jahres steht der Ölpreis 20 Prozent im Plus, aber das Zertifikat im Depot ist 5 Prozent im Minus. Der Anleger versteht die Welt nicht mehr.

Willkommen in der Contango-Falle. Ein Rohstoffzertifikat kauft keine echten Fässer voll Öl und lagert sie im Keller der Bank. Es investiert in Terminkontrakte (Futures). Diese Kontrakte haben ein Verfallsdatum. Bevor ein Kontrakt ausläuft, muss der Fondsmanager ihn verkaufen und den Kontrakt für den nächsten Monat kaufen. Dieses Manöver nennt man „Rollen“. Ist der Markt im Normalzustand (Contango), sind die Futures für die Zukunft immer etwas teurer als die für den aktuellen Monat (wegen Lagerkosten, Zinsen, Versicherungen). Du verkaufst also ständig den günstigen, alten Kontrakt und kaufst den teureren, neuen. Dieses permanente Umschichten frisst Monat für Monat still und leise deine Rendite auf – das sind die Rollverluste.

Du kaufst mit einem Rohstoffzertifikat oft keinen steigenden Ölpreis. Du abonnierst lediglich die horrenden Rollkosten der Terminbörse.

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