Inhaltsverzeichnis
- Herbst 1987 — keine Laptops, nur Lederhosen
- Die Stadt, die sich für eine Weltstadt hält — und damit nicht ganz falsch liegt
- Das Oktoberfest, oder: Wie man ein Image zur Weltreligion macht
- Der Preis des Erfolgs — und er ist wirklich nicht günstig
- Was München wirklich zusammenhält
- Die andere Seite der Isar
- Warum ich trotzdem bleibe
Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Das muss man sagen, bevor man über München redet, weil es alles erklärt.
Wer im Ruhrgebiet aufwächst, lernt Städte als Ansammlung von Zwecken. Fabriken. Zechen. Siedlungen, die drumherum gewachsen sind, weil man irgendwo wohnen musste. Schönheit war kein Stadtplanungskonzept, sie war ein glücklicher Unfall. Man lernt, Dinge direkt zu sagen. Man lernt, dass Arbeit keine Ausrede braucht. Und man lernt, dass eine Stadt kein Versprechen ist, sondern ein Werkzeug.
1980 wurde ich von und mit meinen Eltern und Geschwistern in den Bayerischen Wald verpflanzt. Das ist, für jemanden aus dem Revier, ungefähr so, als würde man einen urbanen Moskauer nach Sibirien versetzen. Stille. Weite. Wälder, die kein Ende haben. Menschen, die Dinge manchmal nicht sagen, weil man sie ja wissen sollte. Ich habe es selten geliebt. Ich habe es gehasst. Ich habe es verstanden — aber erst viel später.
Und dann, im Herbst 1987, kam München. Nicht als großer Plan. Nicht als Lebensentscheidung. Jemand bot mir nach der Ausbildung einen Job an. Ich sagte ja. So einfach fangen die wichtigsten Kapitel an.
Herbst 1987 — keine Laptops, nur Lederhosen
Ich war jung, fertig mit der Ausbildung, und München war eine Entscheidung, die sich so klar anfühlte, dass ich gar nicht lange darüber nachdachte. Die Stadt zog. Und ich ließ mich ziehen.
Was mich empfing, war nicht das München von heute. Es gab keine Gründerszene, keine Co-Working-Spaces, kein urbanes Gezwitscher über Disruption und Skalierung. Der Laptop war noch eine Rarität für Konzernvorstände und Computerforscher — kein Alltagsgegenstand, kein Symbol einer neuen Klasse. Was es gab, war die Lederhose. Und die trug man nicht ironisch.
München war damals eine wohlhabende, selbstbewusste, provinziell-weltoffene Stadt, die genau wusste, was sie war und was sie nicht sein wollte. Die BMW-Welt existierte noch nicht. Die Allianz Arena war Zukunftsmusik. Aber die Wirtschaftskraft war da, das Netzwerk war da, und vor allem: das Vertrauen war da. In die eigene Substanz. In die eigene Art zu leben.
Man schüttelte Hände. Man aß zusammen. Man tat Dinge, weil sie funktionierten — nicht, weil ein Investor sie auf einer Folie für skalierbar befunden hatte.
Das, habe ich gelernt, ist der Kern dieser Stadt. Und er hat sich nicht so sehr verändert, wie manche glauben.
Die Stadt, die sich für eine Weltstadt hält — und damit nicht ganz falsch liegt
München hat knapp 1,5 Millionen Einwohner. Das ist, gemessen an London oder Paris oder Istanbul, überschaubar. Berliner würden sagen: eine große Kleinstadt. Münchner würden darauf nicht antworten, weil sie Berliner grundsätzlich ignorieren. Man kennt das.
Und doch: Wer durch Schwabing spaziert, wer morgens in einem Café in der Maxvorstadt sitzt und die Zeitungen aus vier Ländern auf dem Tisch liegen sieht, wer die Architekturbüros kennt, die Unternehmenszentralen, die Hidden Champions des deutschen Mittelstands, die hier aus irgendeinem Grund besonders gerne sitzen — der versteht, dass München einen Wirkungsradius hat, der mit seiner Einwohnerzahl nichts zu tun hat.
Die Stadt denkt groß. Manchmal zu groß. Manchmal auf eine Art, die einen schmunzeln lässt.
Das Oktoberfest, oder: Wie man ein Image zur Weltreligion macht
Lass uns kurz über das Oktoberfest reden, weil es unvermeidlich ist.
Sechzehn Tage. Sieben Millionen Besucher. Mehrere Millionen Maß Bier. Das Oktoberfest ist die genialste Marketingoperation, die eine Stadt je für sich selbst entwickelt hat — und das Beste daran ist, dass es niemand geplant hat. Es ist einfach gewachsen. Wie ein Organismus. Wie ein Pilz nach Regen, nur mit Blasmusik.
Ich habe das Oktoberfest genossen. Ich habe es auch gehasst. Manchmal beides am selben Abend.
Was mich wirklich fasziniert: Die Münchner selbst betrachten das Ganze mit einer Mischung aus Stolz und mildem Entsetzen. Sie wissen, dass das Bild der Wiesn nicht das ganze Bild ist. Aber sie lassen es zu, weil es funktioniert. Das ist eine Form von unternehmerischer Intelligenz, die mir imponiert — und die ich, wenn ich ehrlich bin, schon 1987 gespürt habe.
Der Preis des Erfolgs — und er ist wirklich nicht günstig
München ist teuer. Das ist keine Neuigkeit, das ist eine geologische Tatsache, so unveränderlich wie die Alpen im Süden.
Als ich 1987 ankam, war München teuer für damalige Verhältnisse. Heute ist es teuer auf eine Weise, die damals niemand für möglich gehalten hätte. Eine Zweizimmerwohnung in Haidhausen? Traumhaft. Preislich ebenfalls ein Traum — der Alptraum-Variante zugehörig. Wer als junger Mensch heute in München Fuß fassen will, braucht entweder gut verdienende Eltern, einen außergewöhnlich früh gefassten Entschluss zum Sparen oder eine Risikobereitschaft, die man sonst nur von Venture-Capital-Investoren kennt.
Und trotzdem kommen sie. Alle kommen sie.
Ingenieure aus dem Osten Europas. Programmierer aus Indien. Unternehmer aus dem Rest Deutschlands, die den Standort wegen der Netzwerke wollen. Zugereiste, die irgendwann merken, dass sie nicht mehr wegwollen, obwohl sie eigentlich nur zwei Jahre bleiben wollten.
Ich gehöre zu letzteren. Seit 1987.
Was München wirklich zusammenhält
Es gibt etwas, das ich lange nicht benennen konnte und das ich jetzt, nach fast vier Jahrzehnten hier, mit einem Wort versuche: Haltung.
München hat eine Haltung. Eine Art, sich zu geben. Nicht arrogant — das wäre zu einfach. Eher: selbstbewusst auf eine Weise, die keine Bestätigung von außen braucht. Die Stadt muss sich nicht erklären. Sie steht einfach da.
Es gibt einen spezifischen Münchner Moment, den ich liebe: Ein Abend im Sommer. Ein Biergarten unter alten Kastanien. Neben dir sitzt ein Bauunternehmer aus Oberbayern, der über die dritte Generation seines Betriebs spricht. Auf der anderen Seite ein Gründer, der gerade seine erste Finanzierungsrunde abgeschlossen hat. Beide trinken Helles aus dem gleichen Krug. Beide reden mittelständisch. Der eine, weil er es ist. Der andere, weil er es werden will.
Das ist München. Tradition und Kapital. Handwerk und Hightech. Und seit vielen Jahren tatsächlich auch: Lederhose und Laptop.
Die andere Seite der Isar
Es wäre unehrlich, nur die Schokoladenseite zu zeigen.
München kann exklusiv sein auf eine Art, die wehtut. Wer nicht in die richtigen Netzwerke hineingeboren wurde, arbeitet sich langsamer vor als anderswo. Die Stadt hat eine soziale Schichtung, die unter der wohlpolierten Oberfläche sehr stabil ist. Das ist keine Münchner Erfindung — das haben alle erfolgreichen Städte. Aber in München wird es besonders geschickt kaschiert, weil alle so freundlich lächeln und das Wetter an guten Tagen einfach zu schön ist, um böse zu sein.
Und die Gentrifizierung rollt mit der Präzision einer Dampfwalze durch die alten Viertel. Giesing war mal die Arbeiterkante. Jetzt kostet die Wohnung dort fast das Gleiche wie in Bogenhausen oder Obermenzing. Das Viertel hat gewonnen und verloren zugleich — je nachdem, wen man fragt.
Warum ich trotzdem bleibe
Ich habe mir diese Frage ehrlich gestellt. Mehrmals. Zuletzt mit dem Abstand von fast vierzig Jahren Erfahrung in dieser Stadt.
Und die Antwort ist jedes Mal dieselbe: Weil München funktioniert. Nicht perfekt. Aber verlässlich. Weil die Infrastruktur stimmt, die Netzwerke stimmen, die Lebensqualität stimmt — zumindest für jene, die einen Platz gefunden haben.
Und weil an klaren Tagen, wenn der Föhn die Luft gewaschen hat und man von erhöhter Stelle in den Süden schaut, die Alpen so nah sind, dass man glaubt, man müsste nur die Hand ausstrecken.
Das ist kein Argument, ich weiß. Das ist Emotion.
Aber Emotion, das hat mir die Börse gelehrt, treibt am Ende mehr Entscheidungen als jede Fundamentalanalyse.
Ich, der Junge aus dem Revier, weiß das inzwischen auch.
Thomas Kristan stammt aus dem Ruhrgebiet, kam 1987 nach München und ist geblieben. Als Unternehmer, Investor und Autor schreibt er über Wirtschaft, Geldanlage und das, was sich zwischen den Zahlen abspielt.