Pripyat. Eine Stadt, in der die Zeit steht.

1986. Der Junge aus dem Ruhrgebiet.

Es war Nacht, als der Reaktor explodierte. Ich schlief.

Ich war neunzehn Jahre alt, fertig mit der Schule und mitten in der Ausbildung. Der 26. April 1986 begann für mich wie jeder andere Tag — und irgendwo, kaum hundert Kilometer nördlich von Kiew, brannte ein Reaktor, ohne dass es irgendjemand in meiner Welt zunächst wirklich begriffen hätte. Die ersten Nachrichten waren dünn. Eine schwedische Messstation hatte erhöhte Radioaktivität registriert, tief im Osten Europas. Woher sie kam, wollte man zunächst nicht sagen. Die Sowjets schwiegen. Moskau ließ die eigene Bevölkerung im Unklaren und trug wenig dazu bei, den Westen schnell und umfassend zu informieren. Die westlichen Experten aber verstanden sehr schnell, was sich da zusammenbraute.

Der normale Bürger kaum.

Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Wer dort aufwächst, lernt früh, dass Industrie Kraft bedeutet — und auch Katastrophe bedeuten kann. Zechen, Stahlwerke, der Rhein, der einmal brannte. Aber Tschernobyl war etwas anderes. Im Physikunterricht hatte ich gelernt, was Kernspaltung bedeutet und wie ein Reaktor im Prinzip arbeitet. Ich wuchs in einer Zeit auf, in der mehr Atomraketen auf Deutschland gerichtet waren als dem Land gut getan hätte. Tschernobyl war kein abstraktes Ereignis für mich. Es war ein Schlag, der saß — körperlich, irgendwie. Eine neue Art von Bedrohung, die man weder riechen noch sehen noch schmecken konnte.

Und dann verschwand es — wie große Nachrichten verschwinden. Ins Archiv, in die Hinterzimmer des Bewusstseins, verdrängt von allem, was danach kam. Das Leben geht weiter. Die Ausbildung. Der erste Job. Die ersten Jahre. Tschernobyl blieb ein Wort, ein Datum, eine Erinnerung an Beunruhigung — aber kein Ort, den ich je besuchen würde.

Zwanzig Jahre lang.


Der Weg nach Kiew. Und Anna.

Viele Jahre nach 1986 führte mich das Leben in die Ukraine. Der Anlass war ein völlig anderer — aber wer sich wie ich öfter und länger in Kiew aufhält, dem kriecht Tschernobyl irgendwann unter die Haut. Die Stadt trägt das Thema mit sich. In den Gesprächen, in den Blicken, in der Art, wie Menschen schweigen, wenn man zu direkt fragt. Man merkt, dass das hier keine Geschichte von gestern ist. Es ist eine Geschichte von immer.

In Kiew lernte ich Menschen kennen, für die Tschernobyl kein Schulbuchthema war — sondern ein Bestandteil ihrer Biographie. Menschen, deren Eltern in der Region gearbeitet hatten. Menschen, die als Kinder evakuiert worden waren. Menschen, die bis heute nicht wissen, ob ihre Gesundheitsprobleme mit jenem April 1986 zusammenhängen.

Einige Jahre, bevor ich das erste Mal wirklich in die Zone durfte, fuhr ich mit Anna an die Grenze der Sperrzone. Mit dem eigenen Auto, ohne Genehmigung, einfach so nah wie möglich — aus einer Mischung aus Neugier und dem Bedürfnis, diesen Ort wenigstens einmal von außen zu sehen. Anna ist Ukrainerin. Ihr persönliches Schicksal ist mit Tschernobyl verknüpft, auf eine Art, über die sie nicht immer sprechen will. Man respektiert das.

Kurz vor der Zonengrenze bemerkte ich, dass Anna mit angespannter, fast angestrengter Miene aus dem Beifahrerfenster schaute. Links und rechts der Straße dichter Wald, so wie immer in dieser Gegend. Nichts Ungewöhnliches. Ich fuhr rechts ran und hielt an.

„Was suchst du die ganze Zeit?“

Keine Antwort zunächst. Anna ließ das Fenster herunter. Schaute weiter in den Wald.

„Ich suche Pilze.“

Ich schaute sie an. Ehrlich verwirrt. „Pilze? Was für Pilze?“

„Diese riesigen Tschernobyl-Pilze.“ Und dann, ganz leise, fast für sich selbst: „Die sollen über einen Meter groß sein. Das erzählen sich die Menschen auf dem Markt in Kiew. Früchte und Gemüse aus der Tschernobyl-Region werden um vieles größer als normal. Das kommt von der Strahlung.“

Die Worte entsprachen ihrer tiefsten Überzeugung. Ich sah sie vollkommen entgeistert an. Dann begann ich zu lachen. Dann lachte Anna auch. Wir standen noch zehn Minuten am Straßenrand und kamen einfach nicht weiter vor Lachen — zwei Menschen, die eigentlich alles andere als lustig drauf waren. Der Weg von Kiew nach Tschernobyl hatte eine Spannung in uns aufgebaut, die sich in diesem einen, vollkommen unerwarteten Moment entlud. Bei Anna vielleicht noch mehr als bei mir. Schließlich ist ihr persönliches Schicksal mit diesem Ort verknüpft.

Damals kamen wir nicht rein. Kein vorab beantragter Passagiereintrag, kein offizielles Genehmigungsverfahren, das falsche Fahrzeug. Der Schlagbaum blieb unten. Wir fuhren wieder nach Kiew.

Aber ich wusste: Irgendwann würde ich es wissen wollen. Wie sieht die Welt wirklich aus, zwanzig Jahre nach dem Atombrand?


30. Mai 2006. Sieben Uhr morgens. Kiew Hauptbahnhof.

Dienstag, der 30. Mai 2006. Sieben Uhr am Morgen. Ich stehe am Hauptbahnhof in Kiew. Die Morgensonne lacht über der Stadt und verspricht ein prachtvolles Wetter für den Tag. Aber in meiner Magengegend macht sich eine Nervosität breit, die ich nicht wirklich erklären kann — ein Gefühl der Unruhe, das sich über Nacht eingenistet hat und sich trotz gutem Schlaf nicht verflüchtigt hat.

Denn ich erwarte keinen normalen Bus. Ich erwarte einen gelben Bus mit einer ganz besonderen Genehmigung. Einen Reisebus, der in die 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl einfahren darf. Die Reise geht zum Kernkraftwerk Tschernobyl — und anschließend in die vergessene Stadt Pripyat. Ich will es endlich wissen. Will sehen, was ich mir zwanzig Jahre lang nicht vorstellen konnte.

Der Bus rollt an. Ich werde freundlich begrüßt. Mit mir steigen noch vier oder fünf weitere Leute zu — der Bus ist bereits gut besetzt. Zweiunddreizig Leute insgesamt, mit Busfahrer, zumeist junge Studenten aus Moskau, die extra mit dem Nachtzug angereist sind. Ich bin der einzige echte Ausländer an Bord. Valentina, die mir diese Reise ermöglicht hat, sitzt neben mir als meine persönliche Übersetzerin. Was will ich mehr.

Die Stimmung im Bus ist gelöst, fast fröhlich. Bevor es richtig losgeht, ist Getränke-Kaufen angesagt — die jungen Moskauer bringen einem kleinen Kiosk am Stadtrand von Kiew unerwartet guten Umsatz. Man lacht, man redet, man ist aufgeregt. Die meisten von ihnen sind Jahrgang 1985, 1986. Sie waren Babys, als der Reaktor explodierte. Sie haben keine eigenen Erinnerungen daran. Für sie ist das ein Ausflug in eine Geschichte, die ihnen erzählt wurde — nicht eine, die sie selbst erlebt haben. Ich bin der Einzige im Bus, der den 26. April 1986 als Erwachsener erlebt hat.

Vadim und Sascha erklären über das Busmikrofon einige Details zu dieser Fahrt. Vadim hat das Projekt „Pripyat“ ins Leben gerufen — ein Kiewer, der als Kind diese Geschichte miterlebt hat und heute dafür sorgt, dass sie nicht vergessen wird. Sascha begleitet Besucher hauptberuflich nach Tschernobyl und kennt die Zone wie seine Westentasche. Beide wollen aufklären, zeigen, verstehen lassen.

Der Bus legt ein Video ein. Historische Aufnahmen von der Evakuierung Pripyats aus dem April 1986. Verwaschene Bilder, ein grausamer Ton, der verzweifelten Aktionismus dokumentiert. Valentina übersetzt mir die Kommentare — aber ich verstehe auch ohne Worte. Die Bilder brauchen keine Übersetzung. Menschen auf Lastwagen. Kinder, die weinend weggebracht werden. Offizielle, die so tun, als hätte man alles unter Kontrolle. Das Gesicht der Panik, das man als Panik verkleidet hat.

Das Gefühl der Unruhe in mir wird stärker.

Wer möchte, kann bei Sascha einen Schutzanzug erwerben — eine einfache zweiteilige Kunststoffkleidung in knallgelb, die man wie einen Regenmantel über seine normalen Sachen zieht. Ich denke mir: Jacke wie Hose, mehr Souvenir als wirklicher Schutz. Aber ich nehme ihn. Irgendwie fühlt er sich richtig an. Vadim schenkt mir ein schwarzes T-Shirt. Vorne das Zeichen für Radioaktivität. Hinten eine Karte der Tschernobyl-Region. Ich ziehe es sofort an.


Die Grenze zu einer anderen Welt.

Das steinerne Monument am Straßenrand markiert den geographischen Beginn der Region Tschernobyl. Neben dem eigentlichen Schriftzug — Чорнобильський район, Tschernobyl-Region — erkenne ich Symbole der Atomkraft im typisch sowjetischen Stil. Goldgelbe Ähren aus Beton, eine stilisierte Atomanlagen-Silhouette, ein Roter Stern. Ein Monument, das Stolz ausstrahlen sollte. Wirtschaftliche Bedeutung signalisieren. Kraft und Zukunft verkörpern.

Jetzt steht es am Straßenrand im Nirgendwo. Leicht verwittert. Die goldene Farbe blättert ab. Und keiner ist mehr da, dem es etwas bedeutet.

Der Bus hält kurz. Erste Fotos, erste Videoaufnahmen, kurze Pause. Und dann weiter — zum eigentlichen Checkpoint, zur Grenze der Sperrzone.

КПП Дитятки. Checkpoint Dytyatky. Ein ordinäres Gebäude mit einem zweifarbigen Wellblechdach, ein paar Menschen in Uniform, ein alter Lada auf dem Parkplatz, ein Stop-Schild. Eine Schranke. Die Grenze zu einer anderen Welt sieht aus wie eine Landstraßen-Tankstelle.

Sascha und Vadim steigen aus und regeln die Formalitäten mit einem Stapel Reisepässe in der Hand. Ein Uniformierter mit Kugelschreiber geht jeden Namen durch. Ich sitze im Bus, beobachte die Szene durch das Fenster — und versinke instinktiv ein Stück weit in meinen Sitz. Alle jungen Russen. Und ich, der einzige Deutsche. Wozu auffallen?

Das blieb Valentina nicht verborgen. Sie lächelt charmant und sagt zu dem ukrainischen Beamten, der gerade einen bedeutungsschweren Blick in den Bus wirft: „Der Partreigenosse mit dem deutschen Pass sitzt gleich hier neben mir.“

Danke, Valentina.

Der Kontrolleur zieht laut lachend ab. Der Schlagbaum geht hoch. Der Bus fährt weiter.

Mit der Einfahrt in die verbotene Zone ändert sich zunächst einmal nichts. Das ist das erste, was mich überrascht — und überrascht hat. Weder steigt die Radioaktivität sofort messbar an, noch verändert sich die Landschaft dramatisch. Kein Warnzeichen des Körpers. Keine ukrainischen Aliens hinter dem Checkpoint. Nur Wald, Straße, Himmel. Valentina erklärt mir, warum: Die kleinen Siedlungen, die einmal links und rechts der Straße standen, wurden nach der Katastrophe abgetragen. Die Gebäude wurden entfernt, die Grundstücke mit frischer Erde zugeschüttet. Was ich für gewachsenen Wald halte, war einmal bewohntes Land. In zwanzig Jahren hat die Natur sich den Boden zurückgeholt, vollständig und ohne Eile.

Sascha hält ein Messgerät in die Luft. Auf dem weißen Gehäuse steht „Припять“ — Pripyat. Die Anzeige zeigt 0,118. Eine Zahl auf einem Display. Das Unsichtbare wird zur Zahl. Die Gefahr ist hier nicht das, was man sieht — sie ist das, was man nicht sieht, nicht riecht, nicht spürt. Sie ist einfach da. Immer.


Der Sarkophag.

Bevor wir nach Pripyat fahren, werden wir im sogenannten Besucherzentrum empfangen. Eine Ausstellung mit historischen Fotos, Dokumenten, Erklärungstafeln — alles im Stil des sowjetischen Staatsmuseums. Streng, sachlich, ohne emotionale Zugeständnisse. Wir hören einen Vortrag, auf Russisch, den ich nicht verstehe. Valentina übersetzt mir das Wesentliche. Der Vortrag klingt wie eine Behördenveranstaltung — Museum und Amtsstube in einem, mit dem Charme der Sowjetunion.

Und dann das Briefing für Pripyat. Immer auf den Hauptstraßen bleiben, die dekontaminiert wurden. Nicht in die Häuser gehen — Einsturzgefahr. Nicht den Boden berühren. Keinen Staub aufwirbeln, denn radioaktive Partikel können sich in Staub ablagern und eingeatmet werden. Es gibt sogenannte Hotspots in der Stadt — Stellen mit besonders hoher Strahlenbelastung. Ihr Geigerzähler wird euch warnen. Bleibt bei der Gruppe.

Und dann dieser eine Satz, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat: Es gibt keinen Rettungswagen. Ihr seid auf euch alleine gestellt.

Der Rest des Briefings klingt danach irgendwie anders.

Und dann stehen wir davor.

Dem Sarkophag.

Ich habe viele Fotos davon gemacht, aus verschiedenen Winkeln, in verschiedenen Abständen. Grau. Massiv. Rostend. Kräne, die noch danebenste­hen wie vergessene Riesen. Der Sarkophag über Reaktor 4, in aller Eile nach der Explosion gegossen — nicht als dauerhafte Lösung, das wusste man von Anfang an, sondern als das Einzige, was damals in der Zeit, die blieb, möglich war. Ein Notverband über einer Wunde, die nicht heilen kann.

2006, als ich davor stand, war der Sarkophag bereits zwanzig Jahre alt. Und bereits am Verfallen. Die Stahlkonstruktionen rosteten. Die Betonplatten zeigten Risse. In den Fugen war Feuchtigkeit eingedrungen. Der neue Sarkophag — die riesige Schutzhülle, die heute darüber steht — war damals noch Zukunftsplan, noch nicht gebaut.

Was mich am meisten getroffen hat, steht nicht im Vordergrund der Fotos. Es sind die jungen Tannen direkt vor dem Zaun. Leuchtend grün, fast aggressiv lebendig, direkt vor dem größten Industrieunfall der Geschichte. Die Natur kennt keine Pietät. Sie wächst, wo sie wächst. Sie fragt nicht, was darunter liegt.

Und dann noch etwas: Drei kleine Skulpturen auf einem Podest, unmittelbar vor dem Sicherheitszaun. Gepflegt. Mit frischen weißen Blumen daneben. Ein winziges, menschliches Denkmal vor einer ungeheuerlichen Katastrophe. Das Verhältnis zwischen diesem kleinen Podest und dem grauen Koloss dahinter ist so absurd, dass es wehtut. Genau deshalb trifft es so tief.


Pripyat. Die eingefrorene Stadt.

Das Ortsschild. ПРИПЯТЬ. In großen, verwitterten Buchstaben. Die Farbe blättert ab wie Haut nach einem Sonnenbrand. Das Schild steht noch — aber die Stadt, die es ankündigt, hat aufgehört zu existieren.

Der Bus hält am Stadtrand. Von hier gehen wir zu Fuß. Ein längerer Weg ins Zentrum. Ich werfe den Rucksack mit meiner Kameraausrüstung über die Schulter — und ich stelle ihn nicht ab. Nicht einmal kurz. Nicht auf einem Mauervorsprung, nicht auf dem Boden, nicht an einen Baum gelehnt. Der Boden ist kontaminiert. Das Gras ist kontaminiert. Ich weiß das. Mein Körper weiß es auf seine eigene, instinktive Weise noch besser. Er macht mich vorsichtiger, als mein Kopf es für nötig halten würde.

Die Gruppe hat sich aufgeteilt. Ich bin mit Vadim und Valentina unterwegs — eine kleine, bewegliche Einheit. Wir sprechen Englisch miteinander. Es ist das Einzige, was in diesem Moment geht: über etwas sprechen, um es zu fassen. Worte als Anker in einer Realität, die sich dem Greifen entzieht.

Und dann, nach den ersten Schritten in die Stadt hinein, kommt es: Ich höre Vögel zwitschern.

Laut, fröhlich, vollkommen unbeeindruckt.

Und trotzdem ist die Stadt gespenstisch still.

Das ist der Widerspruch, der einen nicht loslässt und der sich in keinem Foto festhalten lässt. Es ist Leben hier — Bäume, Vögel, Gras, das durch Asphalt bricht, Büsche, die Eingänge verschlucken. Aber kein menschliches Leben. Die Stille hat eine eigene Qualität, die sich von normaler Stille fundamental unterscheidet. Sie ist nicht die Abwesenheit von Lärm. Sie ist die Abwesenheit von allem, was eine Stadt ausmacht. Keine Schritte auf Pflaster. Keine Türen, die auf- und zugehen. Keine Stimmen. Keine Musik aus einem offenen Fenster. Kein Geruch von Essen. Keine Autos. Keine Fahrräder. Nur das Zwitschern der Vögel, die sich einen Dreck darum scheren, was hier passiert ist.

Wir gehen durch Straßen, die einmal Straßen waren. Das Grün hat sie halb zurückerobert. Aus dem Asphalt wachsen Bäume, die bereits so dick sind, dass man kaum glauben kann, dass hier vor zwanzig Jahren noch Autos fuhren. Häuser, deren Eingänge bereits vom Buschwerk verschluckt werden. Türen, die offen stehen — seit 1986 offen stehen. Wohnblöcke, deren Fassaden bröckeln, während die Natur mit ruhiger Entschlossenheit durch jeden Riss dringt. Ich fotografiere. Ich berühre nichts.


Die Schule.

Ich weiß nicht mehr genau, wie wir in das Schulgebäude geraten sind. Vielleicht war es die Tür, die offen stand. Vielleicht der Sog, den verlassene Orte manchmal entwickeln — dieser stille Zug nach innen, dem man nachgibt, obwohl man weiß, dass man es eigentlich lassen sollte.

Wir betreten das Gebäude. Vorsichtig. Kein Staub aufwirbeln — das Briefing hallt noch nach. Jeden Schritt abwägen. Die Decken sind marode, manche Böden könnten nachgeben. Aber das Gruseln, das ich beim Betreten der Stadt gespürt habe — es wird hier, in diesem Gebäude, zu etwas anderem. Schwerer. Persönlicher.

Gleich im Eingangsbereich hängt noch ein Schild an der Wand, in sowjetischer Monumentalschrift: Каждому школьнику — прочные знания основ наук, трудовую и профессиональную подготовку. Jedem Schüler — solide Kenntnisse der Grundlagen der Wissenschaften, berufliche und fachliche Vorbereitung. Ein Versprechen des sozialistischen Staates an seine Kinder. Die Decke darüber bröckelt. Das Versprechen wurde nicht eingehalten — und nicht wegen des Sozialismus.

Ich gehe weiter, tiefer ins Gebäude. Und es zieht mich rein. Immer weiter rein.

Ein Klassenzimmer. Stühle und Tische, teilweise durcheinandergeworfen wie nach einer überstürzten Flucht, teilweise noch in ordentlichen Reihen — als wären die Schüler nur kurz rausgegangen. Blaue Schulbänke, Farbe abgeblättert, der Rost darunter in warmen Rottönen. Auf der vordersten Bank liegt ein aufgeschlagenes Heft. Daneben bunte Aufkleber. Wer hat sie hingelegt? War das noch ein Kind, das am 26. April 1986 zur Schule gegangen war? Oder ein späterer Besucher, der ein Fundstück so platziert hat, dass es für die Kamera besonders aussieht? Man weiß es nicht. Das Wissen-Nicht-Können ist vielleicht das Unheimlichste an diesem ganzen Ort.

Ein anderes Zimmer. Auf einem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Schulbuch. Illustrierte Winterbilder — ein Kind, das einen Schneemann baut. Farbige Zeichnungen, die Seiten durch die Feuchtigkeit vieler Winter leicht gewölbt, aber noch vollkommen lesbar. Ich lese die Bildunterschrift nicht — ich kann kein Kyrillisch. Aber das Bild braucht keine Übersetzung. Das letzte Kapitel, das jemand aufgeschlagen hatte. Seit 1986 unberührt, zugeschlagen erst durch Jahrzehnte, die über die Seiten geglitten sind.

Die Sporthalle. Basketball-körbe, die noch hängen — verrostet, aber da. An der Wand stehen bunte, handgemalte Tafeln mit springenden Sportlern, vollkommen intakt, leuchtende Farben, als wären sie gestern aufgehängt worden. Volleyball, Leichtathletik, Turnen. Kinder in Bewegung. Darunter: Schutt, Rost, Verfall, eingestürzte Deckenteile, Glasscherben. Der Kontrast zwischen den lebendigen Bildern an der Wand und dem, was darunter liegt, ist so unmittelbar und so brutal, dass man einen Moment lang stehenbleiben und tief durchatmen muss.

Ein kleiner Raum — vielleicht ein Gruppenraum für die Jüngsten. An einer Wand Stuckreliefs spielender Kinder. Weiß auf Weiß, in Bewegung, lachend, miteinander. Auf dem Fensterbrett steht eine Puppe. Klein. Ohne Kleider. Allein. Sie schaut ins Leere.

Ich fotografiere sie. Ich gehe weiter. Ich denke noch lange an sie.

In einem anderen Raum ein Propagandabrett an der Wand: „Зарница“ — das sowjetische Militärspiel für Schulkinder, das Geländespiel und Patriotismus verband. Daneben Zivilschutzanweisungen für den Ernstfall. Luftalarm. Chemischer Alarm. Radiologische Gefahr. Die Schule hatte Pläne für jeden Notfall. Für Luftangriffe. Für chemische Kampfstoffe. Für radioaktiven Fallout.

Für genau das, was vier Kilometer entfernt passiert war — dafür hatte der Plan versagt.

Im Treppenhaus: eine Gasmaske auf einem verrosteten Metalltisch. Das Gummi zerfallen, der Gummi-Filter noch halbwegs intakt. Sie hat niemanden gerettet. Sie liegt da wie ein Geständnis, dem niemand zuhört.

Auf einer Schultafel, die offenbar noch steht, hat jemand geschrieben: КИЕВ. Kiew. In großen Buchstaben, mit Kreide. Darunter ein Name, eine Jahreszahl: 1999. Dreizehn Jahre nach dem GAU war jemand hier, in diesem Klassenzimmer, in dieser aufgegebenen Schule, in dieser verbotenen Stadt — und hat Kreide genommen und seinen Namen geschrieben. Hat bewiesen, dass er da war. Daneben, auf Ukrainisch: Київ. Beide Schreibweisen. Zwei Sprachen, zwei Namen für dieselbe Stadt, die weniger als hundert Kilometer entfernt weiterlebt, weiteratmet, den Alltag lebt, als wäre das hier nie passiert.

Ich verstehe diesen Impuls vollkommen. Wenn man in Pripyat ist, will man Spuren hinterlassen. Will beweisen, dass man hier war. Dass man gesehen hat. Dass man nicht weggeschaut hat.


Das Riesenrad, das nie gefahren ist.

Auf dem Weg zum zentralen Platz passieren wir den Vergnügungspark.

Ich sage das so beiläufig, wie man es nur sagen kann, wenn man es nicht wirklich fassen will: Pripyat hatte einen Vergnügungspark.

Das Riesenrad steht noch. Gelbe Gondeln, verrostet, aber vollständig. Die Farbe hält sich erstaunlich gut — vielleicht weil sie nie wirklich beansprucht wurde. Das Rad hat sich nie ernsthaft gedreht. Ein paar Testläufe möglicherweise. Aber nie für ein Kind, das hinauffahren und von oben die Stadt sehen wollte.

Der Jahrmarkt sollte am 1. Mai 1986 eröffnet werden. Zum Maifeiertag, dem höchsten Festtag des sowjetischen Kalenders. Die Arbeiter hatten ihn bereits aufgebaut. Die Gondeln waren gelb gestrichen — frisch, leuchtend. Die Autoscooter standen bereit, bunt lackiert, mit kleinen Lenkrädern und Gummistoßstangen. Irgendwo hatte wahrscheinlich bereits jemand Wimpelketten aufgehängt. Vielleicht lag das Eröffnungsplakat noch in einem Büro.

Fünf Tage vorher hatte der Reaktor explodiert.

Der Jahrmarkt wurde nie eröffnet. Das Riesenrad hat sich nie gedreht. Die Autoscooter stehen noch auf dem Parkettboden ihrer kleinen Halle, von Unkraut halb eingewachsen, die Farbe abgeblättert, der Rost in den Fugen. Ihre Gummistoßstangen sind noch intakt — für Zusammenstöße, die nie stattgefunden haben.

Es gibt Bilder von Pripyat, die weltweit bekannt sind. Das Riesenrad ist eines davon. Ich habe verstanden, warum, als ich davor stand. Es ist nicht die Größe. Es ist nicht der Rost. Es ist die Tatsache, dass es nie gefahren ist. Dass es gebaut wurde für etwas, das nie begann.

Das ist Pripyat in einem einzigen Bild: Eine Stadt, die nicht gestorben ist. Eine Stadt, die nicht leben durfte.


Der Schrottplatz. Die Maschinen, die kämpften.

Am Rande der Stadt, auf einem weitläufigen Gelände, das zwischen Wald und Wohnblöcken liegt, stehen Fahrzeuge. Dutzende. Vielleicht mehr.

Lastwagen. Kräne. Militärfahrzeuge. Ein Lada, auf dessen Motorhaube jemand eine Matratze gelegt hat — rosa, gestreift, vollkommen fehl am Platz, wie ein letzter, merkwürdiger Versuch, einem toten Ding etwas Häusliches zu geben. Ein gepanzertes Fahrzeug — BRDM, erkenne ich es später — das im Gras versinkt. Kräne mit verrosteten Auslegern. Schwere Fahrzeuge, die einmal für Aufräumarbeiten eingesetzt worden waren.

Nach dem GAU, in den Wochen und Monaten danach, wurden Tausende von Fahrzeugen in der Zone eingesetzt. Feuerwehrwagen, die in der ersten Nacht zum brennenden Reaktor gefahren waren. Militärfahrzeuge, die bei der Evakuierung halfen. Kräne und Bagger, die beim Bau des Sarkophags eingesetzt wurden. Hubschrauber, die Sand und Borsäure auf den brennenden Reaktorkern abwarfen. Alles, was eingesetzt wurde, nahm Strahlung auf — in manchen Fällen so viel, dass eine Weiterverwendung ausgeschlossen war. Man konnte die Fahrzeuge nicht reparieren, nicht reinigen, nicht verkaufen. Man konnte sie nur abstellen.

Und hier stehen sie.

In manchen Fahrzeugen sind noch Instrumente. Lenkräder. Sitze. Kabel, die aus aufgerissenen Kabinen hängen. Nummernschilder. Ein Gerät mit der Aufschrift „395″. Wer diese Zahl je notiert hat, in welchem Register, in welcher Inventarliste — er wird diese Liste nie wieder nachschlagen. Das Gerät liegt zwischen Glasscherben auf einem Boden, der einmal ein Boden gewesen ist.

Was mich an diesem Ort besonders trifft: Diese Fahrzeuge haben etwas getan. Sie waren nicht einfach hier — sie haben etwas versucht. Sie haben gekämpft, auf ihre stille, metallische Art. Und der Kampf hat sie vernichtet.

Irgendwann fange ich an, in den Dingen Gesichter zu sehen. Ein umgekippter Behälter auf einem moosbedeckten Bürgersteig — zwei schwarze Löcher als Augen, ein aufgerissener Mund. Er schreit. Oder vielleicht bin ich es, der anfängt zu schreien, innerlich, ohne es zu zeigen.


Das Kulturzentrum. Und das Wandgemälde.

Das Kulturzentrum von Pripyat war einmal das Herz der Stadt. Ein großes Gebäude mit Foyer, Bühne, Kinosaal, Ausstellungsräumen. Heute steht man in einem Foyer voller Schutt, mit einem riesigen sowjetischen Wandgemälde an der Rückwand.

Das Gemälde ist vollkommen intakt.

Frauen mit Früchten, Arbeiter, Tiere, Raketen, Flaggen, ein Pferd, das galoppiert — alles in leuchtenden Farben, die fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung noch genauso schreien wie am ersten Tag. Die Kunst des sozialistischen Realismus war auf Ewigkeit angelegt. Sie sollte nicht verblassen. Sie sollte mahnen, begeistern, mitreißen. Sie tut das noch — aber nicht mehr für den Zweck, für den sie geschaffen wurde.

Wir stehen im Foyer, zwanzig Menschen in gelben Jacken, inmitten von Schutt und Glas, und das Gemälde starrt uns an. Einer hält eine Flasche in der Hand — vielleicht ein Toast, vielleicht einfach Durst. Das Leben geht weiter, auch hier.


Das Dach.

Wir klettern auf das Dach eines der hohen Wohnblöcke.

Die Steigleiter ist verrostet. Man muss sich festhalten, muss genau schauen, wo man greift. Ich bin außer Atem, als ich oben ankomme — und achte peinlich genau darauf, mir nicht die Hände ins Gesicht zu wischen. Die Hände, die die verrostete Leiter angefasst haben. Ich wische sie an der Jacke ab. Ob das hilft, weiß ich nicht.

Von hier oben sieht man alles.

Und zum ersten Mal an diesem Tag verstehe ich das volle Ausmaß dieser Stadt.

Pripyat war keine kleine Siedlung. Pripyat war eine Stadt für fast 50.000 Menschen. Eine junge Stadt — gegründet 1970, die jüngste Stadt der Sowjetunion zum Zeitpunkt ihrer Evakuierung. Breite Boulevards, Hochhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Hotels, ein Kulturzentrum, Sportstätten, Schwimmbäder. Eine komplette, moderne sowjetische Stadt, entworfen für die Arbeiter des Kernkraftwerks und ihre Familien.

Jetzt, von diesem Dach aus, sehe ich: eine Stadt, die im Begriff ist, Wald zu werden.

Die Plattenwohnblöcke ragen noch heraus — zehn, zwölf Stockwerke hoch, ihre Fassaden bröckelnd, ihre Dächer mit Unkraut bewachsen. Aber zwischen ihnen wächst bereits der Wald so hoch, dass die Erdgeschosse kaum noch zu sehen sind. Der zentrale Platz ist noch erkennbar — die Pflastersteine noch da, aber schon halb von Gras überwachsen. Das Hotel Polissya mit seinem Schriftzug ragt über die Baumkronen. Die Straßenlaternen stehen noch — niemand schaltet sie ein.

Und am Horizont, hinter allem: der Sarkophag.

Von hier, aus zwei oder drei Kilometern Luftlinie, überragt er noch immer alles. Egal wo man steht in Pripyat — er ist immer da. Er ist immer der Horizont. Man kann nicht wegsehen. Man kann nicht tun, als wäre er nicht da. Er definiert diesen Ort, seit dem 26. April 1986. Er wird ihn noch definieren, wenn die letzten Wohnblöcke eingestürzt sind und der Wald vollends gewonnen hat.


Das Klavier.

Wir gehen in eines der Wohnhäuser.

Im Inneren: das, was Plünderer hinterlassen, wenn sie fertig sind. Die Wohnungen sind ausgeräumt — nicht von den Bewohnern, die in Eile und Panik geflohen waren und dachten, sie würden in drei Tagen zurückkommen. Sondern von Menschen, die später kamen. In den Jahren und Jahrzehnten nach der Evakuierung wurden die Wohnungen systematisch ausgeplündert — Fernseher, Möbel, persönliche Gegenstände, alles, was einen Wert hatte oder zu haben schien. Abgeholt und weggebracht, obwohl alles kontaminiert war. Das ist ein eigenes, dunkles Kapitel der Tschernobyl-Geschichte.

Was übriggeblieben ist: Schrankwände mit offenen Türen und leeren Fächern, Scherben auf den Böden der Regale. Küchen, in denen noch Tisch und Herd und Spüle stehen, aber kein einziges persönliches Stück mehr. Tapeten, die sich von den Wänden lösen. Türen, die knarren. Böden, die unter jedem Schritt nachgeben.

In einer Wohnung steht noch ein Klavier.

Es ist ein altes Instrument, aufrecht, mit Holzgehäuse. Die Deckel sind geöffnet — man kann die Mechanik sehen, die Hämmer, die Saiten. Das Klavier wurde nicht gestohlen, weil es niemand tragen wollte oder konnte. Es ist zu schwer, zu sperrig, zu wertlos für den schwarzen Markt. Also steht es noch da, seit 1986, in einer leeren Wohnung, in einem leeren Haus, in einer leeren Stadt.

Valentina tritt heran. Sie streicht kurz mit dem Finger über eine Taste. Dann drückt sie ein paar nieder.

Töne.

Schief, verstimmt, zwanzig Jahre ohne Stimmung, die Saiten von Feuchtigkeit und Zeit angegriffen. Aber Töne. Klang in einem Raum, in dem seit dem 26. April 1986 kein Klang mehr war. Musik in einer Stadt, in der keine Musik mehr ist.

Valentina lächelt. Es ist das erste echte, warme Lächeln, das ich an diesem langen Tag sehe. Nicht das höfliche Lächeln des Guides, nicht das aufgeregte Grinsen der jungen Moscoviter. Ein echtes Lächeln.

Ich stehe daneben. Weiß nicht, was ich denken soll. Kann nichts sagen.

Draußen zwitschern die Vögel.


Das Abschlussfoto.

Als wir die Stadt verlassen haben, als der Bus gewartet hat und alle wieder gelb und erschöpft und still dagestanden haben, haben wir ein Foto gemacht.

Vor dem großen ПРИПЯТЬ-Schriftzug am Ortsausgang — weiße Betonbuchstaben, noch immer stabil, noch immer lesbar — steht die ganze Gruppe. Zwanzig, fünfundzwanzig Menschen, die meisten in gelben Jacken, einige ohne. Vadim in der vorderen Reihe, verschränkte Hände, ein ruhiges, fast nachdenkliches Lächeln. Valentina neben ihm, lockiges Haar, dieselbe Frau, die vorhin in einer leeren Wohnung Klavier gespielt hat.

Hinter uns: der graue Himmel. Das Gras. Die Straße zurück in die Welt.

Es ist ein normales Gruppenfoto. Lächelnde Gesichter, Kameras, jemand winkt. Und gleichzeitig ist es das ungewöhnlichste Foto, das ich je gemacht habe. Denn im Hintergrund stehen diese Buchstaben — der Name einer Stadt, die keine Stadt mehr ist. Und die Menschen davor haben diesen Tag in ihr gelebt, haben gesehen, was dort ist, haben die Puppe auf dem Fensterbrett gesehen und das Klavier in der leeren Wohnung und das Riesenrad, das nie gefahren ist.

Und trotzdem lächeln sie.

Ich glaube, ich weiß, warum. Weil man muss. Weil man sonst nicht wieder gehen könnte.


Was bleibt.

Auf dem Rückweg nach Kiew bin ich still.

Valentina lässt mich. Vadim auch. Der Bus fährt durch dieselbe Landschaft wie am Morgen — aber es sieht anders aus. Oder ich sehe anders. Ich schaue aus dem Fenster auf die ukrainische Weite, auf die flachen Felder und die dichten Wälder, und ich denke darüber nach, was Pripyat eigentlich ist.

Keine Geisterstadt. Das ist das falsche Wort, auch wenn es das am häufigsten benutzte ist. Geister implizieren Vergangenheit. Geister sind vergangen.

Pripyat ist eine eingefrorene Gegenwart. Ein Moment, der am 27. April 1986 angehalten wurde und seitdem in Zeitlupe weiterläuft. Die Natur übernimmt die Kontrolle, Zentimeter für Zentimeter, Jahr für Jahr. Die Gebäude verfallen. Die Farben verblassen. Die Gegenstände zerfallen zu Staub. Aber der Moment selbst — der Moment des Innehaltens, des Weggehens, des Nicht-Zurückkommens — dieser Moment ist noch vollkommen lebendig, wenn man durch die Straßen geht.

Und doch — und das ist vielleicht das Erstaunlichste — ist Pripyat kein Ort der Hoffnungslosigkeit. Nicht für mich, jedenfalls nicht vollständig.

Weil Vadim das Projekt gegründet hat. Weil Valentina am Klavier gespielt hat. Weil jemand mit einem rosa Blumenstrauß an einen verrosteten Zaun gekommen ist, um die Toten zu ehren. Weil Unbekannte mit Farbe und Pinsel in die Sperrzone eingedrungen sind und ein Mädchen mit Seifenblasen an eine Hauswand gemalt haben. Weil auf einer Schultafel in kyrillischen Buchstaben „KIEW“ steht und darunter ein Name und eine Jahreszahl. Weil Menschen immer wieder kommen, klettern, schauen, fotografieren.

Weil es wichtig ist, dass jemand sagt: Wir waren hier. Wir erinnern uns.

Ich war an diesem Tag auch einer von ihnen. Mit meiner Kamera, meinem Rucksack, meiner Vorsicht, meiner Unfähigkeit, auch nur einen Gegenstand anzufassen.

Ich habe nur fotografiert. Das musste reichen.

Und vielleicht — das ist meine ehrlichste Schlussfolgerung aus diesem Tag — ist Erinnern genau das: Hinschauen. Nicht wegschauen. Nicht wegfahren, bevor man alles gesehen hat, was zu sehen ist.

Pripyat existiert nicht mehr als Stadt. Aber solange Menschen wie Vadim und Valentina existieren. Solange der Jahrmarkt, der nie eröffnet wurde, noch steht. Solange die Puppe auf dem Fensterbrett sitzt. Solange das Klavier in der leeren Wohnung noch Töne gibt, wenn jemand die Tasten berührt —

— solange ist Pripyat nicht verschwunden.

Es wartet nur darauf, dass jemand kommt und zuhört.


Thomas Kristan besuchte Tschernobyl und Pripyat am 30. Mai 2006, zwanzig Jahre nach dem GAU. Alle Fotos entstammen diesem Besuch. Dieser Text ist persönliches Zeugnis, kein wissenschaftlicher Bericht. Wer selbst reisen möchte: Es ist möglich, es ist erlaubt, und es ist etwas, das man nicht vergisst. Ein Wort in eigener Sache — die Strahlendosis, die man bei einem solchen Tagesbesuch aufnimmt, entspricht nach Expertenangaben in etwa der Strahlung eines transatlantischen Flugs. Das Risiko ist gering. Das Erlebnis ist nicht zu beschreiben.

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