Und der Algorithmus übernimmt
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Stell dir vor, du stehst an der Küste von Norddeich. Der Wind peitscht dir ins Gesicht, die Nordsee ist grau und ungemütlich. Draußen am Horizont drehen sich gigantische Rotoren. Das ist das alte Bild der Energiewende. Romantisch. Heroisch. Und verdammt teuer.
Jetzt Schnitt.
Wir sind in 2026. In einem fensterlosen Raum in Essen starren junge Mathematiker auf Bildschirme. Keine Gummistiefel, keine Offshore-Overalls. Sie handeln nicht mit Strom. Sie handeln mit Daten. Sie verkaufen die Volatilität des Wetters an die, die sie am wenigsten gebrauchen können, aber am dringendsten brauchen: die Tech-Giganten des Silicon Valley.
RWE, der einstige Kohle-Dinosaurier, hat sich gehäutet. Das Unternehmen ist kein Versorger mehr. Es ist eine Infrastruktur-Plattform für das digitale Zeitalter. Doch während in Essen die Sektkorken knallen könnten, weil man alte Kraftwerksflächen für Millionen an Amazon verkauft , zieht im Westen ein Sturm auf. Ein politischer Sturm namens Donald Trump.
Die RWE-Aktie steht bei 52,80 Euro. Ist das der Gipfel? Oder erst das Basislager? Packen wir das Biest aus.
Das Geschäftsmodell: Strom clever vermarkten
Hand aufs Herz: Weißt du eigentlich, womit RWE wirklich Geld verdient? Es ist nicht einfach „Strom verkaufen“. Das kann jeder mit einem Solarpaneel auf dem Dach. RWE spielt ein anderes Spiel.
Die grüne Lunge (Renewables)
Hier wird Beton im Meer versenkt und Stahl in den Himmel geschraubt. Offshore-Windparks wie Sofia vor der britischen Küste sind keine Kraftwerke, sie sind Gelddruckmaschinen mit 20 Jahren Laufzeitgarantie – wenn sie erst mal stehen. Aber bis dahin fressen sie Kapital. Milliarden.
Die eiserne Reserve (Flexible Generation)
Wenn im November die Dunkelflaute über Deutschland liegt und kein Solarpanel auch nur ein Milliwatt liefert, schlägt die Stunde der alten Garde. Die Gaskraftwerke. Sie laufen selten, aber wenn sie laufen, diktiert RWE den Preis. Und neuerdings sind diese Standorte Gold wert – nicht wegen des Stroms, sondern wegen des Platzes. Alte Kraftwerke haben Netzanschlüsse und Kühlwasser. Genau das, was KI-Rechenzentren brauchen.
Das Gehirn (Supply & Trading)
Das ist der spannende Teil. RWE hat eine der größten Trading-Floors Europas. Hier arbeiten Algorithmen, die schneller denken als der Markt. Sie nutzen die Schwankungen. Windstille in Bayern? RWE verkauft teuer. Sturm in der Nordsee? RWE kauft billig. Diese Abteilung macht aus Wetter Geld.
Wo das Geld wirklich hängen bleibt
Vergiss für einen Moment den Umsatz. Umsatz ist Eitelkeit. Cashflow ist die Wahrheit. Und die Wahrheit sieht im Februar 2026 interessant aus.
In den ersten neun Monaten 2025 hat RWE ein bereinigtes EBITDA von 3,5 Milliarden Euro eingefahren. Das klingt solide. Aber schau genauer hin:
- Der Einmaleffekt: 225 Millionen Euro davon kamen aus einem einzigen Verkauf. Ein altes Kohlekraftwerksgelände in Großbritannien ging an einen „Hyperscaler“ (lies: Tech-Gigant). Das ist kein operativer Gewinn, das ist Tafelsilber. Aber es zeigt, wie viel das Tafelsilber wert ist.
- Der Wind schwächelt: Offshore lieferte weniger als erwartet. Warum? Weil der Wind nicht wehte. So banal ist Physik. Das ist das Risiko, das dir kein ESG-Prospekt fettgedruckt auf die erste Seite schreibt.
Die Verschuldung? Liegt bei rund 15,7 Milliarden Euro. Klingt viel, ist aber bei einem EBITDA von über 5 Milliarden im Jahr managebar (Leverage Faktor < 3,0). RWE kauft sogar eigene Aktien zurück. Das ist das Signal des Managements an dich: „Wir wissen nicht, wohin mit dem Geld, also geben wir es euch.“ Oder es heißt: „Uns fallen keine besseren Investitionen ein.“ Entscheide selbst.
Das Spannungsfeld: Stärke trifft Risiko
Hier wird es kantig. RWE steht in einem Spagat, der jedem Turner die Bänder reißen würde.
Die Stärke: Der „Hedge“
RWE ist diversifiziert. Wenn Trump die US-Windkraft killt (dazu gleich mehr), läuft das Geschäft in Europa weiter. Wenn die Strompreise fallen, verdient der Handel Geld mit der Menge. RWE ist kein reines „Green Energy Play“ wie Ørsted, das bei Gegenwind sofort umkippt. RWE ist ein Tanker mit vielen Schotten. Leck in Abteilung USA? Schotten dicht, weiterfahren.
Das Risiko: Der Trump-Faktor
Es ist der Elefant im Raum. Donald Trump ist im Weißen Haus. Und er hasst Windräder. Am 20. Januar 2026 hat er ein Moratorium für Offshore-Windleasing unterschrieben. Für RWEs US-Träume ist das ein Schlag in die Magengrube. CEO Markus Krebber musste die Reißleine ziehen: US-Offshore-Investitionen sind „on ice“. Das bedeutet: Milliarden an potenziellen Einnahmen sind futsch oder zumindest in weiter Ferne. Wer auf den US-Boom gewettet hat, hat verloren.
Was gerade wirklich passiert
Lass uns kurz durchatmen und auf den Ticker schauen. Die letzten 6 Monate waren wild.
- Der KI-Hype: RWE hat verstanden, dass Strom der Treibstoff für KI ist. Der Deal mit dem Hyperscaler in UK war der Startschuss. Analysten fangen an, RWE nicht mehr als Versorger, sondern als „Data Center Enabler“ zu sehen.
- UK rettet die Bilanz: Während die USA wegbrechen, hat RWE in Großbritannien groß abgeräumt. In der letzten Auktionsrunde (Allocation Round 7) hat man sich fast 7 Gigawatt gesichert. Das ist die Zukunft des Cashflows.
- Der Kurs: Die Aktie hat auf die Trump-Nachricht kurz gezuckt, sich aber erholt. Warum? Weil der Markt die Substanz sieht. Mit knapp 53 Euro ist das Papier kein Schnäppchen mehr, aber auch keine Blase.
Essay: Das Silizium-Paradoxon
Warum alte Steine plötzlich mehr wert sind als neue Windräder
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Jahrelang wurde RWE geprügelt. Zu dreckig. Zu langsam. Zu viel Kohle. „RWE muss grüner werden“, riefen die Aktivisten, die Investoren, die Politik. Und RWE wurde grüner. Man investierte Milliarden in Wind und Sonne. Man rief die Strategie „Growing Green“ aus. Man wollte der Musterschüler der Energiewende sein.
Und jetzt? Jetzt, im Jahr 2026, stellt sich heraus: Der wahre Schatz lag die ganze Zeit im Dreck.
Der Schatz im Dreck: Brownfields als KI-Goldgrube
Es sind die „Brownfields“. Die alten, rußigen Standorte der Kohlekraftwerke. Orte wie Didcot in England oder vielleicht bald Niederaußem im Rheinland. Warum? Weil Künstliche Intelligenz Hunger hat. Einen unersättlichen Hunger nach Energie.
Ein modernes KI-Rechenzentrum ist ein Monster. Es braucht so viel Strom wie eine Kleinstadt. Und es braucht diesen Strom jetzt. Nicht in sieben Jahren, wenn die neue Trasse vielleicht genehmigt ist. Die alten RWE-Standorte haben etwas, das man für Geld kaum kaufen kann: Einen dicken, fetten Anschluss an das Hochspannungsnetz. Und die Genehmigung, Wasser aus dem Fluss zu ziehen, um die Server zu kühlen.
Das ist das Silizium-Paradoxon
Die Infrastruktur des fossilen Zeitalters wird zum Fundament des digitalen Zeitalters.
CEO Markus Krebber hat das erkannt. Er verkauft keine Kilowattstunden mehr. Er verkauft Capacity. Er verkauft Reliability. Wenn Microsoft oder Google anklopfen, fragen sie nicht: „Ist der Strom zu 100% grün?“ Sie fragen: „Ist der Strom zu 100% da?“.
Natürlich kann RWE auch grün. In Lingen, im Emsland, bauen sie gerade die Zukunft. Wo früher ein Atomkraftwerk dampfte, entsteht jetzt Wasserstoff. 300 Megawatt Elektrolyse. RWE nennt es „GET H2 Nukleus“. Ein schöner Name für ein gewagtes Experiment. Denn ob Wasserstoff jemals das Geld verdient, das Kohle und Atom einst scheffelten, steht in den Sternen.
Aber hier liegt der Punkt: RWE muss nicht darauf wetten, dass eine Technologie gewinnt. RWE besitzt das Spielfeld.
Kapital, Flexibilität – und politische Abhängigkeit
Schauen wir in die USA. Der „Trump-Schock“ ist real. Der „Inflation Reduction Act“ wackelt, der „One Big Beautiful Bill Act“ (OBBBA) schneidet die Steuergeschenke zurück. Ein reiner Projektentwickler würde jetzt Panik bekommen. RWE zuckt mit den Schultern, friert die US-Projekte ein und schiebt das Geld nach Großbritannien oder in deutsche Batterieparks. Das ist die Arroganz der Bilanzstärke.
Aber Vorsicht. Diese Arroganz kann gefährlich sein. RWE ist ein Riese. Und Riesen sind langsam. Während RWE noch Genehmigungen wälzt, bauen chinesische Anbieter Solarparks in Rekordzeit. Während RWE auf Wasserstoff-Pipelines wartet, bauen andere dezentrale Lösungen.
Und dann ist da noch die Sache mit der deutschen Politik. Krebber fordert einen „Paradigmenwechsel“. Er schreibt Gastbeiträge in der FAZ, warnt vor der Deindustrialisierung. Er klingt dabei weniger wie ein Visionär und mehr wie ein Lobbyist der alten Schule. Hat er recht? Vermutlich. Aber es zeigt auch: RWE ist abhängig. Abhängig davon, dass der Staat die Spielregeln nicht schon wieder ändert.
Tanz auf der Rasierklinge: KI-Wette, Kursfantasie, Absturzrisiko
Das „Silicon-Zeitalter“ der RWE ist eine Wette. Eine Wette darauf, dass Datenzentren die neuen Hochöfen sind. Dass Strom die neue Währung ist. Und dass RWE, der alte Riese, flexibel genug ist, um nicht unter der Last seiner eigenen Geschichte zusammenzubrechen.
Bisher geht die Wette auf. Der Verkauf des UK-Standorts für 225 Millionen Euro war der erste Beweis. Wenn RWE es schafft, dieses Kunststück zu wiederholen – alte Steine in digitales Gold zu verwandeln – dann ist der aktuelle Aktienkurs nur ein Vorgeplänkel.
Aber wenn die KI-Blase platzt? Wenn der Energiehunger der Rechenzentren durch effizientere Chips sinkt? Dann sitzt RWE auf teuren Immobilien und einem Haufen Windräder, für die niemand mehr Premium-Preise zahlt.
Es bleibt ein Tanz auf der Rasierklinge. Aber immerhin: RWE tanzt. Und das ist mehr, als man von vielen anderen Dinos behaupten kann.
Fazit des Autors
Kommen wir zum Punkt. Butter bei die Fische.
Was spricht für RWE?
Die Substanz. RWE besitzt reale Assets in einer Welt, die immer virtueller wird. Die „KI-Fantasie“ durch Datencenter-Deals ist kein Hype, sondern schlägt sich bereits in Cash nieder. Die Dividende steigt (Ziel: 1,20 €) , und Aktienrückkäufe stützen den Kurs. Wer RWE kauft, kauft einen Hedge gegen die Verrücktheiten der Energiepolitik.
Wo liegt das reale Risiko?
In Washington und Berlin. Trump kann den US-Markt für Jahre unrentabel machen. Und in Deutschland? Wenn die nächste Bundesregierung beschließt, dass Wasserstoff doch nicht die Lösung ist, sind die Investitionen in Lingen in Gefahr. Zudem: Execution Risk. Offshore-Windparks sind komplexe Biester. Ein technischer Fehler, eine Verzögerung, und die Rendite ist futsch.
Was ist eingepreist?
Der Markt hat den US-Dämpfer bereits verdaut. Die KI-Fantasie ist teilweise drin, aber noch nicht voll. Ein KGV von ca. 13-15 (für 2026 geschätzt) ist fair, aber nicht billig.
Ein Wort in eigener Sache
Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele. Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen. Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung. An der Börse gibt es keine Garantien.