Snowflake: Daten-Schweiz im KI-Rennen

Raffinerie für Unternehmensdaten
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Eine große Halle in San Francisco, das Licht ist gedimmt. Auf der Bühne steht Sridhar Ramaswamy, seit Kurzem CEO von Snowflake, vor 20.000 gebannt lauschenden Zuschauern auf dem Snowflake Summit 2025. Er spricht nicht über Serverkapazitäten oder tröge Datenbankstrukturen. Er spricht von einer Welt, in der sich Künstliche Intelligenz an den Menschen anpasst – und nicht umgekehrt.

Aber hinter dem Silicon-Valley-Glamour und den lauten Keynotes verbirgt sich eine gnadenlose Realität. Ein CFO, der nachts nicht schlafen kann, weil die Daten seines globalen Konzerns in Dutzenden isolierten Silos vor sich hin faulen. Marketing weiß nicht, was der Vertrieb tut. Die Logistik ist blind für die Prognosen der Finanzabteilung. Daten, so heißt es immer, seien das neue Öl. Doch was nützt das größte Ölfeld der Welt, wenn man keine Raffinerie hat und die Leitungen verrostet sind?

Genau hier setzt Snowflake an. Sie sind die Raffinerie. Und die Leitungen. Und der Tresor. Werfen wir einen Blick unter die Motorhaube eines der am heißesten diskutierten Tech-Unternehmen unserer Zeit.


Das Geschäftsmodell: Der Taxameter für deine Daten

Vergiss das sperrige Wort „Cloud Data Platform“. Snowflake ist im Grunde das digitale Zentralnervensystem für moderne Großkonzerne.

Was macht das Unternehmen konkret? Früher kauften Firmen teure Server und stellten sie in den Keller. Wurde der Platz knapp, kaufte man neue. Dann kam die Cloud. Die Daten zogen ins Netz um, waren aber oft immer noch streng getrennt. Snowflake hat ein System gebaut, das all diese Datensilos aufbricht, bereinigt und an einem einzigen, zentralen Ort durchsuchbar macht. Egal, ob die Daten physisch bei Amazon (AWS), Microsoft (Azure) oder Google (GCP) liegen.

Wie wird hier Geld verdient? Und genau hier wird es spannend.

Snowflake nutzt kein klassisches Abo-Modell (Subscription), bei dem man jeden Monat einen festen Betrag zahlt, egal ob man die Software nutzt oder nicht. Snowflake funktioniert nach dem Consumption-Based-Pricing. Stell dir einen digitalen Taxameter vor. Der Kunde zahlt für die Speicherung der Daten einen extrem geringen Betrag. Das eigentliche Geld verdient Snowflake erst, wenn der Kunde diese Daten bewegt oder analysiert – also wenn Rechenleistung beansprucht wird. Die Räder des Taxis drehen sich, der Taxameter läuft. Je mehr Fragen ein Unternehmen an seine Daten stellt, desto lauter klingelt die Kasse bei Snowflake.


Die nackte Wahrheit: Wo das Geld wirklich hängen bleibt

Die jüngsten Zahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2026 (Ende Oktober 2025) liegen auf dem Tisch. Und sie erzählen die Geschichte eines Riesen, der das Laufen gelernt hat.

  • Der Umsatz: 1,21 Milliarden US-Dollar in einem einzigen Quartal. Ein sattes Plus von 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Umsatz steigt wie ein Hefeteig im Backofen – und bisher fällt nichts zusammen.
  • Der Vertragspuffer (RPO): Die Remaining Performance Obligations – also das Geld, das vertraglich bereits zugesichert, aber noch nicht abgerechnet ist – liegen bei gigantischen 7,88 Milliarden US-Dollar. Ein Wachstum von 37 Prozent. Das ist kein Hoffen auf gutes Wetter, das ist ein garantierter Geldregen für die kommenden Jahre.
  • Die Kundentreue (NRR): Die Net Revenue Retention liegt bei 125 Prozent. Übersetzt: Ein Kunde, der letztes Jahr 100 Dollar bei Snowflake gelassen hat, gibt dieses Jahr völlig freiwillig 125 Dollar aus.

Aber wie sieht es mit der Profitabilität aus? Hier müssen wir genau hinschauen. Die bereinigte (Non-GAAP) operative Marge glänzt mit 11 Prozent. Der freie Cashflow sprudelt mit 136 Millionen US-Dollar. Auf dem Papier der reinen Lehre (GAAP) steht jedoch ein operativer Verlust von fast 330 Millionen US-Dollar.

Der Grund? Aktienbasierte Vergütung (Stock-Based Compensation). Snowflake bezahlt seine besten Entwickler fürstlich mit eigenen Aktien. Das schont die Barreserven, verwässert aber den Anteil der bestehenden Aktionäre. Eine Geldverbrennungsmaschine? Nein. Aber eine Aktien-Druckmaschine für die eigenen Mitarbeiter.


Das Spannungsfeld: Burggraben trifft auf Belagerung

Auf der einen Seite stehen die Bullen. Sie sehen einen Burggraben, so tief und breit, dass die Konkurrenz nasse Füße bekommt. Dieser Burggraben nennt sich Data Gravity (Datenschwerkraft). Wenn ein Weltkonzern erst einmal Petabytes an sensiblen Daten in Snowflake migriert und Dutzende interne Apps darum herum gebaut hat, geht er nicht einfach zur Konkurrenz, nur weil diese fünf Cent billiger ist. Die Wechselkosten sind brutal. Zudem treibt die aktuelle KI-Revolution den Datenkonsum unweigerlich in die Höhe. Jedes neue KI-Modell braucht saubere Daten – Snowflake liefert sie.

Auf der anderen Seite blecken die Bären die Zähne. Ihr Hauptargument: Der Wettbewerb schläft nicht. Databricks, der ewige Rivale, drängt mit massiver Wucht und gigantischen Finanzmitteln aus dem KI-Bereich genau in Snowflakes Revier. Auch die großen Cloud-Anbieter selbst rüsten ihre eigenen Datenbanken auf. Zudem ist das nutzungsbasierte Preismodell in Krisenzeiten ein zweischneidiges Schwert: Wenn die Konjunktur stottert, weisen CFOs ihre IT-Teams an, weniger Abfragen laufen zu lassen. Der Taxameter wird künstlich angehalten. Und dann ist da noch die Bewertung.


Was gerade wirklich passiert: Der Architekt übernimmt

Die strategisch wichtigste Weichenstellung der letzten 12 Monate war ein Personalwechsel. Frank Slootman, der legendäre CEO und gnadenlose Verkaufsmaschinist, trat ab. Sein Nachfolger: Sridhar Ramaswamy. Ein brillanter Ingenieur, ehemals Google-Manager und Gründer der Suchmaschine Neeva.

Warum dieser Wechsel? Weil Snowflake verstanden hat, dass die Ära der reinen Datenspeicherung endet. Wer in Zukunft nur Daten aufbewahrt, wird zu einem Commodity – austauschbar und preissensibel. Ramaswamy hat in jüngsten Interviews eine ehrliche und sehr reale Angst formuliert: Er will um jeden Preis verhindern, dass Snowflake zu einer „dummen Datenröhre“ (dumb data pipe) verkommt, durch die schlaue KI-Modelle von OpenAI oder Anthropic einfach nur Informationen absaugen.

Die Gegenmaßnahme läuft bereits auf Hochtouren: Snowflake baut die Künstliche Intelligenz direkt in seine Plattform ein (Cortex AI). Das Versprechen an die Kunden lautet: Eure hochsensiblen Daten müssen unser sicheres Haus nicht verlassen, um intelligent ausgewertet zu werden. Wir bringen die KI zu den Daten, nicht die Daten zur KI. Das ist nicht nur aus Datenschutzgründen ein massives Verkaufsargument, sondern zwingt die Kunden, noch tiefer im Snowflake-Ökosystem zu verwurzeln.


Essay des Autors: Wenn Daten eine eigene Schwerkraft entwickeln

Um Snowflake wirklich zu verstehen, dürfen wir nicht nur auf Quartalszahlen schauen. Wir müssen das große Spielfeld der globalen IT-Infrastruktur betrachten. Wir befinden uns mitten in einem Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie Software funktioniert, grundlegend neu schreibt.

Das Spiel der Giganten und die digitale Schweiz

Die IT-Welt wird von drei großen Imperien beherrscht: Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud. Diese drei Giganten stellen die physischen Server, die Kabel und die Rechenzentren, auf denen das moderne Internet läuft. Sie alle haben eigene Datenplattformen entwickelt. Logisch wäre es, wenn ein Kunde, der bei Microsoft hostet, auch die Datenbank von Microsoft nutzt.

Doch die Realität in den Vorstandsetagen sieht anders aus. Großkonzerne haben panische Angst vor dem sogenannten „Vendor Lock-in“ – der totalen Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter. Was passiert, wenn Amazon morgen die Preise verdoppelt? Snowflake hat diese Angst als Geschäftsmodell entdeckt. Sie positionieren sich als die „digitale Schweiz“. Eine neutrale Schicht, die über allen drei Clouds schwebt. Ein Kunde kann seine Daten teilweise bei Amazon, teilweise bei Google lagern und trotzdem über die einheitliche Snowflake-Oberfläche nahtlos darauf zugreifen. Diese Unabhängigkeit ist für große Unternehmen pures Gold wert.

Der unsichtbare Burggraben der Datenschwerkraft

Hand aufs Herz: Würdest du die wertvollsten historischen Transaktionsdaten deines Unternehmens einer Plattform anvertrauen, die du morgen bei der erstbesten Gelegenheit wieder wechselst? Eben.

Daten haben Masse. Und in der IT gilt das Gesetz der Data Gravity. Je mehr Daten an einem Ort gesammelt werden, desto mehr Anwendungen, Prozesse und weitere Daten werden dorthin angezogen. Wenn ein Unternehmen erst einmal seine Lieferketten-Logistik, das Kunden-CRM und die Finanzprognosen in Snowflake integriert hat, ist ein Wechsel zu einem anderen Anbieter ein Albtraum. Es wäre, als würdest du versuchen, das Fundament deines Hauses auszutauschen, während du noch darin wohnst. Diese extrem hohen Wechselkosten sind der Grund, warum Kunden Snowflake treu bleiben, selbst wenn ein Konkurrent kurzfristig mit Rabatten lockt.

Die feindliche Übernahme der Intelligenz

Wir schreiben das Jahr 2026. Der Hype um Generative KI ist der harten Implementierungsphase gewichen. CFOs fragen nicht mehr: „Was können wir mit KI machen?“, sondern: „Wo ist der Return on Investment?“.

Die Erkenntnis der Branche: Allgemeine KI-Modelle wie ChatGPT sind faszinierend, aber für spezifische Geschäftsentscheidungen oft nutzlos. Eine KI muss den Kontext des Unternehmens kennen. Sie muss wissen, dass Kunde X in Region Y letztes Jahr Z gekauft hat. Das erfordert Zugang zu den tiefsten internen Datenbanken. Sridhar Ramaswamy orchestriert hier ein strategisches Meisterstück. Indem Snowflake erlaubt, dass kleine, spezialisierte KI-Agenten direkt auf den Daten operieren, eliminiert er das Risiko, dass Drittanbieter-Software (wie Salesforce oder SAP) die gesamte Wertschöpfung der KI-Analyse abschöpft. Snowflake will nicht nur der Tresorraum sein. Snowflake will der smarte Analyst sein, der im Tresorraum sitzt und dir fertige Antworten unter der Tür durchschiebt.

Die Psychologie des Preises

Doch kein Unternehmen operiert in einem Vakuum. Die Börse handelt die Zukunft, und bei Snowflake war diese Zukunft schon immer teuer bezahlt. Erinnern wir uns an den Börsengang 2020. Die Euphorie war grenzenlos, die Zinsen lagen bei null, und selbst Value-Papst Warren Buffett griff zu. Der Aktienkurs trotzte zeitweise jeglicher mathematischer Schwerkraft.

Als die Zinswende kam, implodierten die Multiples. Der Markt lernte schmerzhaft, dass auch Softwareunternehmen keine magischen Geldautomaten sind, wenn das Makroumfeld stottert. Unternehmen begannen, ihre Cloud-Ausgaben zu „optimieren“ – ein höfliches Wort für Kostensenkungen. Weil Snowflake nach Verbrauch abrechnet, spürte das Unternehmen diesen Gegenwind sofort in den Bilanzen.

Heute hat sich die Lage normalisiert. Die Wachstumsraten sind von ehemals über 60 Prozent auf immer noch hochrespektable knapp 30 Prozent gesunken. Bei einem Jahresumsatz jenseits der vier Milliarden Dollar greift das Gesetz der großen Zahlen: Ein Elefant kann nicht sprinten wie ein Gepard. Dennoch: Die Kapitalallokation ist aggressiv, die Investitionen in den Vertrieb und strategische Übernahmen (wie Neeva) zeigen, dass man hier nicht auf Konsolidierung, sondern auf absolute Marktführerschaft spielt.

Die entscheidende Frage für Investoren ist nicht, ob Snowflake ein herausragendes Unternehmen ist. Die Technologie ist Weltklasse, das Ökosystem wächst, die Partnerlandschaft (mittlerweile über 12.000 Partner) ist ein gewaltiger Hebel. Die Frage ist vielmehr, wie viel von der zukünftigen Brillanz bereits im heutigen Aktienkurs eingepreist ist. Wer hier investiert, kauft keine billige Turnaround-Story. Er kauft einen Premium-Sportwagen, bei dem die Erwartungshaltung des Marktes bereits vorschreibt, dass er jedes Rennen gewinnen muss.


Fazit des Autors

Was spricht wirklich für das Unternehmen? Der Burggraben ist massiv. Die Wechselkosten sind astronomisch hoch und die Kundentreue (NRR von 125 %) beweist, dass das Produkt einen essenziellen Nerv der Wirtschaft trifft. Die Positionierung als cloud-unabhängige Plattform und die intelligente Integration von KI direkt an der Datenquelle durch den neuen CEO Ramaswamy sind strategisch brillante Schachzüge. Das vertragliche Polster (RPO) von fast 8 Milliarden Dollar bietet zudem immense Planungssicherheit.

Wo liegt das reale Risiko? Die Konkurrenz durch Databricks ist real und wird schmutziger. Das verbrauchsbasierte Geschäftsmodell bleibt konjunkturanfällig – wenn die Wirtschaft hustet, fahren die Kunden ihre Datenabfragen herunter. Zudem frisst die aktienbasierte Vergütung (SBC) einen nicht unerheblichen Teil der Aktionärsrendite auf, um das Wachstum und die besten Köpfe zu finanzieren.

Welche Erwartung ist im Kurs eingepreist? Der Markt verlangt hier Perfektion. Ein Ende des Wachstums von über 20 Prozent pro Jahr würde von der Börse brutal bestraft werden. Snowflake ist in seine absurde IPO-Bewertung mittlerweile etwas hineingewachsen, aber günstig wird diese Aktie in absehbarer Zeit nicht sein. Wer hier einsteigt, wettet darauf, dass Daten das Blut der globalen Wirtschaft bleiben – und Snowflake das stärkste Herz ist.


Ein Wort in eigener Sache

Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele. Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen. Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung. An der Börse gibt es keine Garantien.

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