ThyssenKrupp: Das Ruhrgebiet im Herzen

Industrieller Riese im Wandel
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Der gefallene Riese auf der Intensivstation

Stell dir einen alten Box-Champion vor. Vernarbt. Die Gelenke knacken. Er sitzt in der Ecke des Rings, atmet schwer. Früher hatte er den härtesten Schlag der Liga – die „Krupp-Stahl“-Faust. Heute? Heute versucht er verzweifelt, seine wertvollste Trophäe (die U-Boot-Sparte) zu verpfänden, um die Miete für die Trainingshalle zu zahlen.

Der Chart von ThyssenKrupp gleicht keinem Herzschlag mehr, sondern eher der Topografie eines tiefen Ozeangrabens. Wir schreiben Februar 2026. Der ersehnte Befreiungsschlag – der Spin-off der Marine-Sparte TKMS – ist im Oktober 2025 über die Bühne gegangen. Der „tschechische Retter“ Kretinsky hat die Flucht ergriffen. Jetzt stehen indische Interessenten vor dem Werkstor in Duisburg.

Ist das hier der Beginn eines Turnarounds oder wohnen wir einer Abwicklung auf Raten bei? Nimm dir einen starken Kaffee (oder Schnaps). Das wird keine leichte Kost.


Das Geschäftsmodell: Wer verdient hier wie Geld?

ThyssenKrupp war lange der klassische „Gemischtwarenladen“ der deutschen Industrie. Doch das Regal leert sich. Was ist heute, im Jahr 2026, noch da?

  • Materials Services (Der Händler): Der größte Werkstoffhändler der westlichen Welt. Wenig Marge, viel Umsatz. Ein Logistik-Monster, das Geld verdient, wenn die Weltwirtschaft brummt. Aktuell stottert sie.
  • Industrial Components (Die Mechaniker): Großwälzlager für Windräder, geschmiedete Motorenteile. Solides Handwerk, aber kein Hype-Thema.
  • Automotive Technology (Der Zulieferer): Lenkungen, Dämpfer, Achsen. Hängt am Tropf der Autoindustrie, die selbst gerade ihre Identität sucht.
  • Steel Europe (Das Sorgenkind): Das einstige Herzstück. Hochöfen, Walzwerke, Duisburg. Hier wird Geld verbrannt und CO2 ausgestoßen. Die Umstellung auf „grünen Stahl“ kostet Milliarden, die keiner hat.
  • TKMS (Marine Systems): Seit Oktober 2025 an der Börse. ThyssenKrupp hält noch 51 %. Das ist die „Perle“ – hier werden U-Boote und Fregatten gebaut, die weltweit begehrt sind. In Zeiten globaler Aufrüstung sind die Auftragsbücher so voll, dass man sie kaum noch zukriegt.
  • Decarbon Technologies: Die Hoffnung für morgen. Hier steckt unter anderem die Tochter Nucera drin, die Anlagen für grünen Wasserstoff baut.

Die Strategie „ACES 2030“: CEO López will den Konzern in eine Finanzholding verwandeln. Das Ziel: Jede Sparte soll alleine laufen lernen – oder verkauft werden. ThyssenKrupp soll am Ende nur noch das Dach sein, unter dem Beteiligungen verwaltet werden.


Wo das Geld wirklich hängen bleibt

Hand aufs Herz: Die Zahlen sind blutrot. Der aktuelle Quartalsbericht, veröffentlicht im Februar 2026, liest sich wie ein Warnsignal.

  • Der Umsatz: Rückläufig. Er fiel auf 7,2 Mrd. € (Vorjahr: 7,8 Mrd. €). Die Preise für Materialien sind im Keller, die Nachfrage schwächelt.
  • Das Ergebnis (Netto): Ein Verlust von -334 Millionen Euro in nur drei Monaten. Das Eigenkapital schmilzt wie Eis in der Sonne.
  • Free Cashflow (vor M&A): Das wichtigste Barometer. Die Prognose für das Gesamtjahr liegt zwischen -600 und -300 Millionen Euro. Übersetzung: Das operative Geschäft erwirtschaftet nicht genug Cash, um den Betrieb und die Investitionen zu finanzieren. Es fließt mehr Geld raus, als reinkommt.

Der Merksatz: Umsatz ist Eitelkeit, Gewinn ist Vernunft, Cash ist König. Und bei ThyssenKrupp ist der König gerade nackt.

Die Dividende? Ein symbolischer Cent-Betrag, wenn überhaupt. Wer hier investiert, tut das nicht für die Ausschüttung, sondern als Wette auf das Überleben.


Das Spannungsfeld – Stärke trifft Risiko

Die Bullen-Story (Das Prinzip Hoffnung): ThyssenKrupp ist an der Börse weniger wert als die Summe seiner Einzelteile („Sum of the Parts“). Allein der 51%-Anteil an der frisch gelisteten TKMS und der Anteil an Nucera sollten theoretisch den aktuellen Börsenwert decken. Wenn es CEO Miguel López gelingt, die Stahlsparte an Jindal Steel (Indien) loszuwerden – selbst für einen symbolischen Euro –, wäre die Bilanz von einer gewaltigen Last befreit. Das verbleibende Unternehmen wäre eine schlanke, profitable Industrie-Holding.

Die Bären-Story (Die Realität): Stahl ist ein „Schwarzes Loch“. Der geplatzte Deal mit Kretinsky im Oktober 2025 hat gezeigt: Niemand reißt sich um deutsche Hochöfen mit hohen Energiekosten und Pensionsverpflichtungen. Ohne den Stahl-Verkauf droht eine permanente Quersubventionierung. Die profitablen Teile (TKMS, Materials) müssen den Stahl am Leben erhalten. Das nennt man „Zombie-Struktur“. Dazu kommen Gewerkschaften, die jeden harten Schnitt bekämpfen.


Was gerade wirklich passiert

Die letzten 6 Monate waren ein Thriller:

  1. Der Kretinsky-Schock (Okt 2025): Der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky (EP Corporate Group) wollte 20 % am Stahl übernehmen, später 50 %. Im Oktober 2025 platzte der Deal. Die Begründung? Zu hohe Kosten, zu viel Investitionsbedarf für grünen Stahl. Kretinsky zog die Reißleine.
  2. Der Spin-off (Okt 2025): Die Marine-Sparte TKMS ist jetzt eigenständig an der Börse. Der Kursrutsch der ThyssenKrupp-Aktie im Oktober war technisch bedingt (Abspaltung), aber psychologisch verheerend.
  3. Der neue Freier: Jetzt wird offen mit Jindal Steel aus Indien geflirtet. Ein harter Player, der keine Sentimentalitäten kennt. Die IG Metall ist in Alarmbereitschaft.
  4. Der CEO: Miguel López regiert mit harter Hand. Sein Verhältnis zur Arbeitnehmerseite ist eisig. Er fordert Performance, sonst Verkauf.

Zwischen den Zeilen: Das Management hat keine Geduld mehr. Der Plan B (Jindal) muss funktionieren, sonst droht die Zerschlagung oder eine Staatsbeteiligung als letzter Ausweg für den Stahl.


Essay des Autors: Die Agonie der deutschen Industrie

Schauen wir auf das große Bild. ThyssenKrupp ist mehr als eine Aktie. Es ist ein Symbol für den „Standort Deutschland“.

Jahrzehntelang galt die Formel: Deutsche Ingenieurskunst + günstiges russisches Gas + globaler Export = Wohlstand. Diese Formel ist zerbrochen. ThyssenKrupp steht exemplarisch für den Schmerz dieser Transformation.

Wir sehen hier das klassische „Konglomerats-Discount“-Phänomen. Der Markt hasst Komplexität. Warum soll ich eine Aktie kaufen, in der U-Boote, Wasserstoff, Stahlhandel und Autoteile vermischt sind? Investoren wollen Reinheit. Die Strategie von López, den Konzern in eine „Group of Companies“ umzubauen, ist theoretisch richtig. Aber sie kommt 10 Jahre zu spät.

Das Drama um den „Grünen Stahl“ ist dabei der spannendste Akt. Die Politik fördert ihn mit Milliarden, aber der Markt fragt: „Wer bezahlt den Aufpreis?“ Solange chinesischer oder indischer Stahl billiger ist, bleibt der grüne Stahl aus Duisburg ein Luxusprodukt. ThyssenKrupp wettet hier auf eine Zukunft, die politisch gewollt, aber ökonomisch noch nicht bewiesen ist.

Für dich als Anleger ist das Psychologie pur. Viele halten die Aktie aus Nostalgie („Die waren mal im DAX“). Aber die Börse kennt keine Vergangenheit, nur Zukunft. Und die Zukunft von ThyssenKrupp hängt an einer einzigen Frage: Gelingt die Entsorgung der Altlasten?

Wenn ja, ist die Aktie ein Schnäppchen. Wenn nein, ist sie eine Falle.


Fazit des Autors

ThyssenKrupp ist aktuell kein Investment für den ruhigen Schlaf. Es ist eine Spezialsituation.

  • Was dafür spricht: Die substanziellen Werte der Beteiligungen (TKMS, Nucera) und die Chance, dass der Stahl-Verkauf an Jindal doch klappt.
  • Das reale Risiko: Der Stahl bleibt im Konzern und frisst weiter Cash. Eine Kapitalerhöhung könnte nötig werden, um die Bilanz zu kitten.
  • Eingepreist: Sehr viel Pessimismus. Der Markt rechnet fast schon mit dem Schlimmsten.

Würde ich hier mein Geld parken? Nur Spielgeld, das ich mental schon abgeschrieben habe. Es ist eine Wette auf den „Last Man Standing“ – CEO Miguel López. Und auch nur weil ich aus dem Ruhrpott komme.


Ein Wort in eigener Sache

Ich schreibe über Unternehmen, nicht über Kursziele.

Bin ich investiert? Vielleicht, mein Depot hat viele Positionen.

Diese Analyse ist keine Anlageberatung, sondern eine Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen.

An der Börse gibt es keine Garantien.

Wenn du investierst, trägst du das Risiko – und die Verantwortung.

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