Vier Jahre Krieg und Europas Erwachen

Es gibt einen Moment, der sich in diesen Krieg gebohrt hat wie ein Splitter: Wenn ein Kind nicht mehr fragt „Warum passiert das?“, sondern „Wo ist der Flur?“ Nicht weil Kinder plötzlich klüger sind als Erwachsene. Sondern weil Erwachsene plötzlich anfangen zu lügen, um die Kinder zu schützen. „Alles gut“, sagen sie, während draußen etwas einschlägt. „Nur kurz“, sagen sie, während die Sirene schon wieder läuft. Der Krieg macht aus Liebe eine Notlüge. Aus Nähe eine Evakuierungsroutine. Aus Schlaf eine Technik.

Ich habe lange Zeit in Kiew verbracht. Und ich merke: Die größte Lüge dieses Krieges ist nicht die Propaganda aus Moskau. Die größte Lüge ist das Wort „Gewöhnung“. Man kann sich an vieles gewöhnen – an schlechten Kaffee, an Bürokratie, an das deutsche Wetter. Man kann sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ein ganzes Land Tag für Tag seine eigene Normalität neu zusammenschraubt, weil das Alte nicht mehr funktioniert.

Keller statt Kinderzimmer. Treppenhaus statt Wohnzimmer. Handy-Akku wie eine Währung. Eine Mutter, die beim Zähneputzen mit einem Auge auf die Nachrichtenticker starrt, weil jeder Ton eine andere Realität sein kann. Ein Vater, der morgens zur Arbeit geht und dabei so tut, als wäre das der normalste Montag der Welt, obwohl er innerlich schon eine Abschiedsmelodie hört. Großeltern, die zu alt sind für Flucht, zu stolz fürs Jammern und zu müde für die nächste „Empfehlung“ aus irgendeinem Ministerium. Freundschaften, die am Leben bleiben wie Glut: nicht hell, aber warm genug, um weiterzumachen. Frauen, Männer, Verwandte, Freunde – dieser Krieg leidet nicht nur in Kindergesichtern. Er sitzt in Beziehungen, in Körpern, in Blicken, in dem kurzen Schweigen, wenn jemand nachfragt: „Und bei euch?“ Und man nicht weiß, wo man anfangen soll.

Und dann ist da diese zweite, noch kältere Ebene. Die Ebene, auf der Krieg nicht nur tötet, sondern stiehlt. Nicht nur Häuser und Land. Sondern Identität.

Wer den wahren Charakter dieser Invasion verstehen will, darf nicht nur auf zerstörte Städte schauen. Man muss auf das schauen, was leiser passiert: Kinder, die aus besetzten Gebieten weggebracht werden. Nach Russland. Herausgerissen aus Familien, aus Sprache, aus Namen, aus Herkunft – als könne man einen Menschen einfach umetikettieren wie eine Kiste im Lager. Der Internationale Strafgerichtshof hat dafür Haftbefehle erlassen – gegen Wladimir Putin und Maria Lwowa-Belowa – wegen der mutmaßlichen Kriegsverbrechen der unrechtmäßigen Deportation und Verbringung ukrainischer Kinder.

Das ist kein „Randthema“, das ist kein moralischer Nebel. Es ist der Kern. Wer Kinder verschleppt, führt keinen „Sicherheitskrieg“. Er führt einen Identitätskrieg. Er sagt: Die Zukunft gehört mir, weil ich sie mir nehme.

Und jetzt kommt der Punkt, an dem mein Zorn beginnt.

Dieser Krieg dauert nicht nur vier Jahre, weil Russland so stark wäre. Er dauert auch vier Jahre, weil Europa und die USA zu lange so getan haben, als könnte man einen imperialen Angriff mit vorsichtiger Dosierung wegmoderieren. Hilfe kam. Ja. Aber sie kam oft wie ein Tropf, der gerade so viel liefert, dass das Opfer nicht stirbt – und gerade so wenig, dass der Aggressor nicht wirklich gestoppt wird.

Warum? Weil Moskau uns ein Wort in die Hand gedrückt hat wie eine heiße Kohle: Atom.

Seit Jahren bläst der Kreml diese Drohkulisse in die Welt, als sei sie ein Naturgesetz. Und Dmitri Medwedew – Putins bellender Telegram-Kumpan, dieser politische Brandstifter – hat das nicht einmal subtil gemacht. Er warnte, ein Krieg mit Russland könne zu einem Konflikt „mit weapons of mass destruction“ eskalieren, und spuckte nebenbei Verachtung über „frigid old Europe“.

Das ist keine Diplomatie. Das ist Erpressung mit Weltuntergangs-Kulisse.

Und diese Erpressung hat funktioniert – nicht bei allen, aber bei genug Leuten in genug Hauptstädten. Man wollte keinen Weltkrieg. Verständlich. Man wollte keine Eskalation. Verständlich. Aber aus verständlicher Angst wurde eine politische Methode: zögern, begrenzen, verzögern, wieder begrenzen. Ein Krieg, der am Anfang hätte kürzer sein können, wurde länger, weil man dem Aggressor Zeit gab. Zeit, um sich einzugraben. Zeit, um Minenfelder zu legen. Zeit, um die eigene Rüstungsproduktion hochzufahren. Zeit, um den Westen müde zu reden.

Wer heute sagt, „das sei halt kompliziert“, macht es sich zu bequem. Dieser Krieg ist nicht kompliziert in seiner Moral. Er ist brutal einfach: Ein Land überfällt ein anderes, um es zu unterwerfen. Punkt.

Und trotzdem – und das ist die Ironie, die Putin am meisten schmerzt – hat er sein Kalkül nicht erfüllt.

Er wollte die Ukraine brechen. Sie ist nicht gebrochen.

Er wollte Europa spalten. Europa hat gestritten, ja. Aber es hat sich nicht abgewendet.

Er wollte die Nato zurückdrängen – und hat sie erweitert. Finnland ist beigetreten. Schweden ist beigetreten. Diese beiden Länder standen jahrzehntelang außerhalb, aus Tradition, aus Vorsicht, aus einer stillen nordischen Idee von Neutralität. Putins Krieg hat daraus einen Sicherheitsvertrag gemacht.

Und Europa? Europa hat lange geschlafen. Zu lange. Aber Europa ist inzwischen wach – nicht aus plötzlicher Erleuchtung, sondern aus Schock. Aus der Erkenntnis, dass Sicherheit keine Sonntagsrede ist, sondern Industrie, Munition, Luftabwehr, Durchhaltevermögen. Dieser Kontinent hat verstanden: Wenn die Ukraine fällt, wird der Krieg nicht „enden“. Er wird nur näher kommen.

Das ist der Satz, den ich meinen Lesern nicht als Pathos verkaufen will, sondern als Realität: Die Ukraine verteidigt europäische Werte nicht in Talkshows, sondern im Dreck. Sie ist der Schutzschild einer Ordnung, die wir hier so selbstverständlich behandeln wie Leitungswasser: Grenzen sind keine Einladung. Menschen sind keine Beute. Kinder sind keine Ware. Freiheit ist nicht verhandelbar wie ein Rabatt.

Und während die Ukraine das jeden Tag beweist, spielt sich in Washington ein Schauspiel ab, das einen fassungslos macht. Der Moment im Weißen Haus, in dem Wolodymyr Selenskyj vor laufenden Kameras von Donald Trump und J.D. Vance angegangen wurde, war nicht „ein unglücklicher Termin“. Es war ein Signal. Reuters beschreibt, wie Trump und Vance Selenskyj öffentlich rügten, wie die Gespräche abgebrochen wurden und die ukrainische Delegation vorzeitig gehen musste.

Ein angegriffenes Land kommt, um Unterstützung zu sichern – und wird behandelt, als sei es der Störfaktor. Als müsse es sich erst demütig genug zeigen, um weiter verteidigen zu dürfen. Wenn das die Sprache der „freien Welt“ ist, dann hat die freie Welt ein Problem, das größer ist als jede Wahlperiode.

Und natürlich hat Moskau gegrinst. Medwedew nannte das Ganze später sinngemäß ein „brutal dressing down“ – der Beißhund bellt immer dann am lautesten, wenn er Blut riecht.

Genau hier wird mein Ton härter, weil die Realität hart ist: Wer dem Opfer die Moralpredigt hält und dem Täter den roten Teppich ausrollt, arbeitet nicht an Frieden. Er arbeitet an einer Einladung für den nächsten Überfall.

Und trotzdem: Auch Russland selbst hat in diesen vier Jahren Momente geliefert, die zeigen, wie brüchig das System ist. Der Prigoschin-Marsch 2023 war so ein Moment. Ausgerechnet der Chef der Wagner-Truppe, jahrelang Werkzeug der Kreml-Dunkelkammer, zeigte Putin den Stinkefinger – offen, bewaffnet, demonstrativ. Prigoschin sprach von einer „march of justice“ und sagte, seine Kolonnen seien binnen 24 Stunden bis auf rund 200 Kilometer an Moskau herangekommen, bevor er umdrehte.

Das war kein Aufstand der Demokratie. Aber es war eine Entlarvung. Ein Blick unter den Lack: Putins Machtapparat ist kein monolithischer Stahlblock. Er ist ein Geflecht aus Loyalitäten, Angst, Geld, Rivalitäten – und manchmal kippt so ein Geflecht, wenn der Druck hoch genug ist.

Und genau deshalb wirkt diese westliche Dauerangst vor der „Eskalation“ oft wie eine Ausrede, die sich selbst bestätigt. Ja, Russland ist gefährlich. Ja, Russland droht. Ja, Russland hat Nuklearwaffen. Aber wenn jede Drohung automatisch zur Handbremse führt, dann hat der Aggressor schon gewonnen, ohne einen weiteren Panzer zu bewegen. Dann wird die Atombombe zum politischen Universalwerkzeug – nicht weil sie fällt, sondern weil sie wirkt.

Ich will, dass man das spürt: Dieser Krieg ist nicht nur ein Konflikt um Territorium. Er ist ein Test, ob Europa noch Rückgrat hat. Ob der Westen noch versteht, dass eine regelbasierte Ordnung nur dann existiert, wenn man bereit ist, sie zu verteidigen, wenn es unbequem wird.

Und ich will, dass man die Leistung der Ukraine nicht im Tonfall eines Dankesschreibens abhandelt, sondern im Tonfall einer Anerkennung, die weh tut, weil sie uns verpflichtet.

Die Ukrainerinnen und Ukrainer halten nicht durch, weil sie aus Granit sind. Sie halten durch, weil die Alternative Knechtschaft wäre. Weil sie wissen, was Besatzung bedeutet. Weil sie gesehen haben, wie schnell Sprache, Kultur und Identität in besetzten Gebieten zur Zielscheibe werden – und wie Kinder verschwinden können, wenn ein Staat beschließt, dass die nächste Generation „umgeschrieben“ werden muss.

Und während wir hier über „mögliche Friedensformate“ reden, über „Einfrieren“, über „Realismus“, muss ein Satz endlich wieder scharf werden: Ein Diktatfrieden, der den Aggressor belohnt, ist kein Frieden. Es ist eine Atempause. Es ist ein Geschäftsmodell. Es sagt: Gewalt lohnt sich, wenn man nur lange genug durchhält, wenn man nur laut genug droht, wenn man nur zynisch genug verhandelt.

Wenn dieser Krieg uns in Europa etwas lehrt, dann das: Moral ist nicht das Gegenteil von Sicherheitspolitik. Moral ist ihre Grundlage. Wer heute zulässt, dass ein Angreifer mit Land, Kindern und Identität bezahlt wird, wundert sich morgen, warum die Welt plötzlich voller Angreifer ist.

Ich schreibe das nicht, um jemanden zu beeindrucken. Ich schreibe es, weil mir dieses Wegschauen zu billig geworden ist. Weil ich nicht akzeptiere, dass man aus ukrainischem Leid eine Verhandlungsmasse macht. Weil ich nicht akzeptiere, dass man die Ukraine als Pufferzone behandelt, statt als das, was sie ist: ein europäischer Staat, der für Prinzipien kämpft, die Europa gerne zitiert – und zu selten verteidigt.

Der vierte Jahrestag ist kein Datum. Er ist ein Spiegel. Und er fragt: Wer sind wir, wenn es ernst wird?

Ich kenne die Antwort der Ukraine. Seit vier Jahren.

Jetzt ist Europa dran.

Nach oben scrollen